Musik von Frédéric Chopin in einem Opernhaus, das hört man nicht alle Tage. Viele Jahre lang hatte man in der Königlichen Oper der Wallonie kein Ballett mehr aufgeführt, bis der neue Intendant Stefano Pace angetreten ist, um den Horizont des traditionsreichen Hauses zu erweitern - nicht nur, was das Opernrepertoire betrifft, sondern auch durch das Einfügen eines Balletts in jede neue Spielzeit.
In diesem Jahr steht also "Die Kameliendame" auf dem Programm, ein Werk des Amerikaners John Neumeier, der über fünfzig Jahre lang der Chefchoreograf des Hamburg Balletts gewesen ist und erst vor Kurzem seinen verdienten Ruhestand angetreten hat. Gemeinsam mit dem Hamburg Ballett ist Dirigent Markus Lehtinen nach Lüttich gekommen und er findet, dass eine Ballettvorführung in einem Opernhaus durchaus ihre Daseinsberechtigung hat.
"Ich finde, dass man erstens sehr flexibel sein sollte mit der Terminologie 'Musiktheater'. Was ist Musiktheater? Oper ist Musiktheater. Und gleichzeitig auch, wie viel Bewegung und wie viel Timing gehört zur Oper? Besonders solche Stücke wie die Kameliendame mit einer guten Story, einer Story, die eigentlich viele Leute kennen oder ahnen, was das sein kann… Das Story-Ballett gehört unbedingt zu Opernhäusern. Dann kommt immer die Frage mit moderneren und abstrakten Dingen, aber da kann man auch über die abstrakten Dinge in der Oper sprechen - wie weit muss man oder soll man gehen? Das ist eine andere Frage, aber besonders solche Stücke mit einer Handlung und Ballett mit viel schauspielerischen Elementen, das gehört ganz bestimmt zum Opernhaus."
Die Kameliendame ist basiert auf dem gleichnamigen Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren. In der Handlung wird auf das Leben der Pariser Kurtisane Marguerite zurückgeblickt, die an Tuberkulose gestorben ist. Markus Lehtinen hat viele Jahre mit John Neumeier in Hamburg zusammengearbeitet, und für ihn ist es ganz logisch, dass der Choreograf gerade Klaviermusik von Chopin für dieses Ballett ausgewählt hat.
"Es gibt diese großen Gefühle von Chopin, aber es gibt auch - was sehr wichtig ist - diese intimen und kleinen Stücke, kleine Gestik, kleine Melodien und kleine Emotionen, die sehr wichtig sind für solch ein Ballett, das meistens nur mit zwei oder drei Leuten auf der Bühne auskommt. Und ich finde es auch gut, dass [Neumeier] sehr viel daran gearbeitet hat, die richtige Musik zu finden, dass er nur bei Chopin geblieben ist - nicht etwas anderes von, sagen wir, Simon and Garfunkel noch dazu. Es ist alles kompakt mit Chopin."
Für das Lütticher Orchester ist das Repertoire der Kameliendame eine ungewöhnliche Herausforderung. Viele Stücke sind für Klavier solo geschrieben und bei den orchestralen Werken begleitet das Orchester den Solisten am Klavier.
"Klar, man könnte sagen, die Klavierkonzerte von Chopin sind nicht wirklich Bravourstücke für das Orchester, aber umgekehrt muss man sehr viel anpassen und auf den Solisten hören, um den Klang dieser romantischen Klavierkonzerte irgendwie 'warm' zu bringen. Aber wir haben viele Proben, auch auf der Bühne mit den Tänzern - es wird sicherlich ein sehr schöner Abend."
Insgesamt gibt es bis Sonntag fünf Aufführungen der "Kameliendame" mit dem Hamburg Ballett in Lüttich. Wer die Musik von Chopin liebt und dazu noch etwas fürs Auge geboten bekommen möchte, der sollte sich diese seltene Gelegenheit nicht entgehen lassen.
Patrick Lemmens