Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache – Muckefuck

In Folge 19 der Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" schreibt Professor Siegfried Theissen über Volksetymologie.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Die Etymologie (griechisch έτυμoλoγία, aus έτυμoσ [wahr] und λογoσ [Wort]) beschäftigt sich mit der Herkunft und der Geschichte eines Wortes oder einer Redensart. Man findet die Herkunft vieler Wörter in den etymologischen Wörterbüchern, die jedoch nur einen Bruchteil des deutschen Wortschatzes aufnehmen und noch weniger Redensarten.

Auch im Internet gibt es sehr viel Information über die Etymologie, aber man muss dort immer die Spreu vom Weizen sondern, denn viele Amateure und Phantasten lassen dort ihrer Phantasie freien Lauf.

Eine Hürde, die es zu überwinden gilt, ist die sogenannte Volksetymologie. Darunter fallen in der Sprachwissenschaft verschiedene Begriffe. Ich deute es hier als „eine falsche, vereinfachende Etymologie, die sich durch äußere Wortformen blenden lässt“.

So wird manchmal Maulwurf als „ein mit dem Maul Erde aufwerfendes Tier“ gedeutet. Wer schon einmal einen Maulwurf beobachtet hat, weiß, dass dieses Tierchen die Erde nicht mit dem Maul, sondern mit den schaufelartigen Pfoten hochwirft. Maulwurf ist also nicht von Maul abzuleiten, sondern von mittelhochdeutsch molte, das heißt lockere Erde.

Ein Quäntchen scheint ein kleines Quantum zu sein, es geht jedoch auf das lateinische quintus (der Fünfte) zurück. Früher war es ein Viertel eines Lots, also ungefähr drei Gramm. Woher die Verwechslung von Viertel mit Fünftel kommt, ist nicht bekannt.

Tollpatsch wird volksetymologisch mit toll (verrückt) assoziiert, stammt jedoch aus dem ungarischen talpas (Fußsoldat).

Muckefuck ist keineswegs mocca faux (im Französischen müsste es dann auf jeden Fall faux mocca heißen!), sondern ist zusammengesetzt aus den rheinischen Wörtern Mucken (braune Erde) und fuck (faul, verwest, also kein Englisch!).

Wenn man jemandem einen guten Rutsch ins neue Jahr wünscht, scheint das Sinn zu machen, aber die Herkunft dieser Redensart hat nichts mit rutschen zu tun. Sie geht wahrscheinlich auf hebräisch Rosch-ha-Schana (Kopf oder Anfang des Jahres) zurück. Eine andere Redensart mit hebräischem Ursprung ist Hals- und Beinbruch (siehe Beitrag Nr. 9 vom August 2018).

Auch die etymologischen Legenden gehören zur Volksetymologie. So wurde lange geglaubt, Känguru bedeute in einer der australischen Stammessprachen „Ich versteh Sie nicht!“. Die ersten Europäer, die den australischen Kontinent betreten haben, hätten auf das ihnen unbekannte Tier gezeigt und immer etwas wie Känguru als Antwort bekommen. Daraus hätten sie geschlossen, das Tier müsse so heißen. Später hätte ein Sprachforscher dann ergründet, Känguru bedeute „Ich versteh Sie nicht!“ – daher die Legende. Erst seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts weiß man, dass Känguru tatsächlich der Name dieses Tieres ist und frei übersetzt „hüpfendes Tier“ bedeutet.

Eine lustige Volksetymologie ist auch Pumpernickel: Napoleons Soldaten sollen dieses in Frankreich unbekannte Schwarzbrot zum ersten Mal in Deutschland angetroffen haben. Das soll ihnen so wenig geschmeckt haben, dass einer der Reiter gemeint habe, dieses Brot sei gerade gut genug für sein Pferd Nickel (c’est bon pour Nickel!), und daher also Pumpernickel. Nun darf man sich zuerst einmal über den französischen Pferdenamen Nickel wundern, obwohl bei Pferderennen den Tieren ja die verrücktesten Namen gegeben werden. Diese „Erklärung“ ist jedoch aus einem anderen Grund ganz unmöglich: Pumpernickel war schon lange vor Napoleon bekannt. Es besteht aus Pumper (abgeleitet von dem alten Wort pumpern [furzen]) und nickel (aus Nikolaus oder aus dem Namen eines Kobolds). Es war früher in der Form von Stinknickel ein Schimpfwort mit der Bedeutung Stinkkerl.

Eine ähnlich lustige Geschichte liegt der Redensart Fisematenten machen (Umstände machen, sich anstellen) zu Grunde: Soldaten Napoleons (schon wieder der!) sollen deutsche Mädchen gebeten haben, sie in ihrem Zelt zu besuchen (wozu wohl?) und nannten das dann visitez ma tente! Die Mütter sollen ihre Töchter dann gewarnt haben mit Mach mir nur keine Fisematenten!. Damit hat diese Redensart jedoch nichts zu tun. Es handelte sich ursprünglich um das lateinische visae patentes (ordnungsgemäße Patente), was nachher umgedeutet wurde zu „überflüssiger Bürokratie“.

Eine Hängematte (aus dem niederländischen hangmat übernommen) wurde als Matte interpretiert, in die man sich legen kann, nachdem man sie zum Beispiel zwischen zwei Bäume gehängt hat. Dies scheint alles sehr logisch, aber der Ursprung ist ein ganz anderer, nämlich das spanische hamaca, aus dem haitianisch-indianischem Wort hamaka.

Die falsche Deutung von Känguru hat gezeigt , dass man auch Sprachforschern (aber war es wirklich einer?) nicht immer trauen kann!

Siegfried Theissen

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2 Kommentare
  1. bruels werner

    Herr Theissen, a propos „nicht immer trauen können“… Mich würde mal interessieren, wie Sie zu der Behauptung gelangen, „Fisemanten“ (Duden „Fisimatenten“) gehe auf das lateinische „visae patentes“ zurück.

    Der anerkannte rheinische Sprachwissenschaftler Peter Honnen belegt jedenfalls in seinem Werk „Wo kommt dat her?“ (Köln 2018, S. 130) Folgendes: Der ab 1499 im heutigen Sinne nachgewiesene Begriff sei eine Entstellung des mittelhochdeutschen Worts „visamente“ (Verzierung, Aussehen), das seinerseits auf das altfranzösische Wort „visement“ (Aussehen) beruhe.

  2. Siegfried Theissen

    Siehe z. B. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (dtv 1999), S. 347

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