Hals- und Beinbruch!

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Prof. Siegfried Theissen (11): Diesmal beschäftigen wir uns mit Redensarten, in denen der Hals und die Haut oder das Fell vorkommen und auch wieder mit einigen Sprichwörtern.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Es gibt zahlreiche Redensarten, in denen der Hals eine Rolle spielt, aber nur wenige bedürfen einer Erklärung oder eines Kommentars. So z. B. Hals und Beinbruch!, was man jemandem sagt, um ihm Glück bei einem Unternehmen zu wünschen. Man meint also das Gegenteil von dem, was man sagt, weil so, einem alten Aberglaube zufolge, die bösen Geister, die bei unverhüllten Glückwünschen sofort zuschlagen, hinters Licht geführt werden.

Diese Redensart soll erst bei den Fliegern des Ersten Weltkriegs aufgekommen sein, wo man bei einem Flugzeugabsturz oft nicht viel mehr riskierte als einen Hals- und Beinbruch. Einer anderen Interpretation zufolge handelt es sich um die Verballhornung des hebräischen hazloche un broche, d.h. Glück und Segen, also ein richtiger Glückwunsch.

Das hängt mir zum Hals heraus (davon will ich nichts mehr hören, damit will ich nichts mehr zu tun haben) darf man natürlich nicht wörtlich nehmen, sonst müsste man das Heraushängende ja sehen können. Man denkt hier an ein Tier, dem die halb gefressene Beute zum Maul heraushängt.

Etwas in den falschen Hals kriegen (sich über etwas ärgern) bedeutete ursprünglich nichts anderes als sich verschlucken, also etwas in die Luftröhre statt in die Speiseröhre kriegen. Hals über Kopf (überstürzt), heißt wörtlich „den Hals vor den Kopf setzen“, und das geht nur, wenn man sich überschlägt.

Einige Redensarten mit Haut veranlassen mich zu einem Kommentar: Bei auf der faulen Haut liegen (nichts tun) ist nicht die eigene Haut gemeint, sondern das Bärenfell, auf dem, nach einer falsch gedeuteten Behauptung von Tacitus, die Germanen den ganzen Tag gefaulenzt hätten. Wenn dem so wäre, wie hätten sie dann die Römer besiegen können?

Bei aus der Haut fahren (zornig werden) geht es wohl um die eigene Haut, aber erstens: Wie soll das gehen? Und zweitens: Steht diese Redensart im Widerspruch mit keiner kann aus seiner Haut, was schon logischer ist, aber auch eine willkommene Rechtfertigung für Starrköpfe.

Eigenartig ist auch für jemanden seine Haut zu Markte tragen (sich für jemand anderen einer Gefahr aussetzen): Ursprünglich handelte es sich um die Haut (das Fell) eines Tieres, das man auf dem Markt verkaufte. Glauben Sie also nicht, es sei Ihre eigene Haut, denn was soll der Käufer damit? Jemandem die Haut abziehen (jemandem alles abnehmen) kann ich ebenfalls nicht empfehlen.

Für die menschliche Haut wird auch oft Fell gebraucht, wie in ein dickes Fell haben (wenig empfindlich sein) oder in jemandem das Fell gerben (ihn durchprügeln). Jemandem das Fell über die Ohren ziehen (ihn betrügen, übervorteilen) bedarf einer Erklärung: Diese Redensart stammt nicht aus dem Jagdwesen, sondern aus der Bauernsprache. Der Abdecker zieht das Fell des Tieres, nachdem die Ohren abgetrennt worden sind, über dessen Kopf. Aus diesem Vorgang hat sich dann die übertragene Bedeutung entwickelt. Über Felle, die man fortschwimmen sieht, haben wir schon im dritten Beitrag berichtet.

Zur Haut gehört ja auch der Bart. Damit habe ich nur zwei Redensarten gefunden, die man erklären muss: Jemandem um den Bart gehen (ihm etwas weismachen). Bei den alten Germanen war der Bart das wichtigste Teil des Gesichtes. Beim Barte (den nur Freie tragen durften) wurde geschworen. Wenn man also jemandem um den Bart ging, schmeichelte man seiner männlichen Würde.

Um des Kaisers Bart streiten (sich um etwas Unwichtiges streiten): Eine volksetymologische Deutung beruft sich auf die Diskussion über die Frage, ob Karl der Große einen Bart getragen habe. Diese Redensart hat jedoch nichts mit einem echten Kaiser (ob mit oder ohne Bart) zu tun, denn Kaiser ist hier auf das schwäbisch entstellte Geißhaar zurückzuführen und auf die schon bei Horatius erwähnte Diskussion, ob Geißhaare als Wolle betrachtet werden dürften. Diese Erklärung wird auch gestützt durch die englische Entsprechung to contend about a goat’s wool (sich streiten über die Wolle der Geiß).

Wenn Sprichwörter, wie Wahrig meint, „allgemein verbindlich“ sind, wie kommt es dann, dass einige sich deutlich widersprechen? So sagt man Jung gefreit hat nie gereut, aber auch Jung gefreit, schnell gereut. Neben Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will und Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr gibt es Man ist nie zu alt, um zu lernen. Was ist denn nun richtig?

Zum Nachdenken: Ein Aphorismus von Lichtenberg (deutscher Satiriker des 18. Jahrhunderts): „Er handelte in anderer Leute Meinungen. Er war Professor der Philosophie.“ Man konnte noch hinzufügen: Diese Meinungsforscher sollte man nicht verwechseln mit echten Philosophen, die sehr wohl eine eigene Meinung haben!

Das passt wie die Faust aufs Auge!

Siegfried Theissen

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