Das kannst du dir an den Hut stecken!

In Folge 14 seiner Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" beschäftigt sich Prof. Siegfried Theissen mit "behüteten" Redensarten, mit Antisprichwörtern und mit einigen Sprichwörtern, die zu einem Kommentar herausfordern.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Unter den vielen Redensarten mit Hut gibt es einige, die einer Erklärung bedürfen: Das kannst du dir an den Hut stecken! (Das kannst du behalten, das will ich nicht) findet seinen Ursprung in dem alten Brauch, sich Federn oder bunte Bänder an den Hut zu stecken, also Dinge von wenig Wert. Bei Schützenfesten war der geschmückte Hut oft der Trostpreis.

Etwas aus dem Hut ziehen (etwas plötzlich hervorzaubern) erinnert an die Jahrmarktzauberer, die plötzlich ein Kaninchen aus einem Hut hervorzaubern konnten. Bei dem Ring in der Redewendung seinen Hut in den Ring werfen (sich ebenfalls bewerben, mit anderen mitbieten), handelt es sich um den Boxring. Diese Redensart haben wir aus dem Amerikanischen to throw/to toss one’s hat in the ring übernommen: Wenn jemand an einem Schauboxen teilnehmen wollte, warf er seinen Hut oder seine Mütze in den Ring.

In verschiedene Dinge unter einen Hut bringen (auf einen Nenner bringen) ist der Hut das Sinnbild der Macht – denken Sie nur an Gesslers Hut in Schillers Wilhelm Tell (bei Abwesenheit des Landvogts mussten die Bauern den Hut ihres Landesherrn grüßen). Was unter einen Hut gebracht wurde, unterstand also der Macht des Herrschers.

Seinen Hut nehmen (zurücktreten) braucht man nicht lang zu erklären, aber ich möchte darauf hinweisen, dass die deutsche Redensart doch viel vornehmer klingt als ihre französische Entsprechung rendre son tablier (seine Schürze zurückgeben).

Interessant ist die Etymologie von: Das geht mir über die Hutschnur (das geht zu weit): Die Hutschnur ist die Schnur um den Hut. Im 14. Jh gab es eine Vorschrift, die besagte, dass, um Wasser zu sparen (also damals schon!), der Strahl eines Brunnens nicht dicker sein durfte als die Breite einer Hutschnur.

Übrigens: Wenn der Chef Ihnen sagt: Das können Sie sich an den Hut stecken!, und Sie haben mit der ganzen Sache nichts am Hut, dann ist es normal, dass Ihnen der Hut hochgeht, Sie den Hut nehmen, auch wenn es ein alter Hut ist.

Mit Hut gibt es ein bekanntes Sprichwort: Mit dem Hute in der Hand kommt man durch das ganze Land. Das gilt jedoch nur, wenn man arm und demütig ist. Wer reich und arrogant ist, kann den Hut auflassen und kommt trotzdem durchs ganze Land.

Die Verlogenheit mancher Sprichwörter hat zu Antisprichwörtern geführt, wobei man zwei Kategorien unterscheiden kann: In der ersten widerspricht der erfundene Zusatz dem Inhalt des eigentlichen Sprichworts und in der zweiten fängt der Zusatz mit ’sagte‘ an, fährt fort mit ‚und‘ und versetzt so das Sprichwort in eine spöttische Sphäre.

Zur ersten Kategorie gehören: Die Liebe macht blind, die Ehe öffnet die Augen. Morgenstund hat Gold im Mund, aber Blei in den Füßen. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Sei ehrlich und handele recht, dann bist du zwar arm, aber es geht dir auch schlecht.

In die zweite Kategorie gehören: Man ist nur so alt, wie man sich fühlt, sagte der Achtzigjährige und führte seine zwanzigjährige Braut zum Traualtar. Man ist nie zu alt, um zu lernen, sagte Oma und fing eine Majorettenlehre an. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagte der Meister und schickte seinen Lehrling Einkäufe für seine Frau machen. Auf einem Bein kann man nicht stehen, sagte der Chirurg und amputierte auch noch das zweite Bein. Das Auge muss auch etwas haben, sagte der Blinde und warf ein Auge auf die hübsche Blondine. Was man hat, das hat man, sagte der Dieb und machte sich aus dem Staub.

Ein Aphorismus von Lichtenberg: ‚ Das Hutabnehmen ist eine Abkürzung unseres Körpers, ein Kleinermachen.‘ Man könnte noch hinzufügen: Auch wenn wir einen Knicks machen! Aber gibt es das noch, außer am englischen Königshaus?

Noch einige Sprichwörter, die zu einem Kommentar herausfordern:

  • Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach ist nichts anderes als eine billige Entschuldigung.
  • Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand ist nur möglich in Japan oder bei den dünnen Wänden der Hochhäuser, aber früher waren die Wände doch viel dicker! Oder?
  • Der Klügere gibt nach, sagt schlau derjenige, der das letzte Wort haben will.
  • Der Kunde ist König: Er wäre es gern, aber ist er es auch?
  • Der Pastor predigt nicht zweimal, mag wahr gewesen sein, aber jetzt, wo es mehr Kirchen als Priester gibt, muss der Pastor manchmal sogar dreimal predigen.
  • Der Stärkere hat immer Recht, der Zweck heiligt die Mittel, die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen, Gewalt geht vor Recht, die Welt will betrogen sein: Stimmt zwar alles, aber wie ist das in Einklang zu bringen mit der Moral?

Zum Schluss noch ein Paradoxon: Wenn einem Mützenträger … der Hut hoch geht.

Kitsch, Leitmotiv und Zeitgeist – deutsche Wörter in anderen Sprachen

Siegfried Theissen

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Ein Kommentar
  1. Gottfried Koonen

    Man ist nicht so alt wie man sich fühlt, sondern so alt wie man sich anfühlt!

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