Die Mannschaft ist Hollands Angstgegner

In Folge zwölf der Reihe "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache" von Prof. Siegfried Theissen geht es um die Herkunft einiger Wörter und um die Verbreitung deutscher Wörter in anderen Sprachen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Das Abitur (Abschlussprüfung am Gymnasium) ist aus dem lateinischen abire (fortgehen) hervorgegangen. Etymologisch ist das Abitur die Prüfung, die man bestehen muss, um die Schule verlassen zu dürfen. Das hindert jedoch viele nicht daran, die Schule vorzeitig und ohne Diplom zu verlassen!

Abteil (abgetrennter Raum in einem Eisenbahnwagen) haben wir aus dem französischen Coupé (wörtlich: abgeschnitten) übernommen. In Österreich sagt man in dieser Bedeutung noch immer Coupé. Im Hochdeutschen wird es nur mehr für ein geschlossenes sportliches Auto mit schräg abfallendem Dach (deshalb Coupé) gebraucht. Verwechseln Sie Coupé bitte nicht mit dem durch verschiedene Operetten berühmt gewordenen Separee!

Der Adjudant (beigeordneter Offizier) geht auf das spanische ayudar (helfen) zurück. Ob der Adjudant seinem höheren Offizier immer eine Hilfe ist, sei dahingestellt.

Der Adler hat eine interessante Etymologie: Es ist eine Zusammensetzung aus Adel (Adelsstand) und dem alten Aar (Adler). Der Adler dankt seinem Namen also dem Interesse des Adels für die Falknerei dieses noblen Greifvogels, den man von den niederen Greifvögeln unterschied.

Admiral (Offizier der Seestreitkräfte im Generalsrang) war zuerst ein arabischer Befehlshaber (amir, später Emir). Später wurde er in verschiedenen europäischen Sprachen mit der Bedeutung „Befehlshaber der Flotte“ übernommen.

Adrett (hübsch, angenehm aussehend) haben wir aus dem französischen adroit („geschickt“, aber später auch – und das erklärt die deutsche Bedeutung – „wohlgestaltet“).

Advokat (jetzt häufiger Rechtsanwalt) geht auf das lateinische advocatus (der Herbeigerufene) zurück. In den Vereinigten Staaten braucht man den Rechtsanwalt oft nicht herbeizurufen, denn der kommt bei Verkehrsunfällen, wo es was zu holen gibt, oft von selbst. Das sind die so genannten ambulance chasers, die Jagd machen auf Verunglückte, die von einer Ambulanz abgeholt werden.

Die Herkunft von Akrobat (geschickter Turner; Zirkusartist) kann man nicht ohne Weiteres erraten: Das Wort ist auf das griechische akrobatos (auf den Zehenspitzen gehend) zurückzuführen. Im Deutschen hat Akrobat zuerst die Bedeutung „Seiltänzer“, das ja in etwa der ursprünglichen Bedeutung entspricht.

Es gibt noch viele deutsche Wörter (von denen wir später noch einige unter die Lupe nehmen werden), deren Etymologie es wert ist, erklärt zu werden. Man sollte jedoch (wie viele Leute, die sich über die englische Überfremdung ärgern) nicht glauben, dass es nur einen einseitigen fremden Einfluss auf das Deutsche gibt. Viele andere Sprachen haben deutsche Wörter übernommen.

An erster Stelle stehen unsere Nachbarn, die Niederlande, die sich mehr als hundert Wörter und Wendungen (für die es oft keine niederländische Entsprechung gibt) einverleibt haben. Am häufigsten anzutreffen sind Aha-Erlebnis, Alleingang, an sich, alte Kameraden, Angstgegner, Befehl ist Befehl, Berufsverbot, Blitzkrieg, Blut und Boden, Bühne, des Guten zuviel, Draufgänger, Einzelgänger, Fingerspitzengefühl, Fremdkörper, gefundenes Fressen, gemütlich, gesundes Volksempfinden, gründlich, heikel, hineininterpretieren, ins Blaue hinein, kaltstellen, Kindergarten, Krimi, Lebensraum, Leitmotiv, Mannschaft, Ober, Prinzipienreiter, Quatsch, Realpolitik, rücksichtslos, salonfähig, Schadenfreude, Schlager, Schwung, sowieso, Spielerei, Spielmacher, Streber, tüchtig, überhaupt, unheimlich, unverfroren, Werdegang, wir haben es nicht gewusst, Zeitgeist.

Hier merkt man deutlich die Hassliebe der Niederländer für die Deutschen. Neben vielen positiv zu wertenden Übernahmen (z. B. der Bewunderung der deutschen Kultur und der Leistungen des deutschen Fußballs, die letzte WM nicht mitgerechnet!) gibt es auch Wörter und Wendungen, die an die Nazizeit erinnern, unter der die Holländer sehr gelitten haben. So ist z. B. alte Kameraden absolut nicht positiv zu verstehen, denn es ist deutlich braun angehaucht.

Auch das Englische oder Amerikanische hat viele deutsche Wörter übernommen. Nur einige Beispiele: Angst, Bildungsroman, Blitzkrieg, Brezel, Delikatessen, Hinterland, Karabiner (= Karabinerhaken), Kindergarten, Kitsch, Kohlrabi, Lebensraum, Leitmotiv, Nacht-und-Nebel, Oktoberfest, Poltergeist, Putsch, Rucksack, Schnaps, Sauerkraut, Spiel, Wanderlust, Wunderkind, Zeitgeist.

Im Französischen (wie im Englischen nicht immer groß geschrieben) finden wir u.a. Anschluss, Alpenstock, Berufsverbot, Blitzkrieg, Blockhaus (= Bunker), Diesel, Diktat, Führer, Hase (= Häsin), Jugendstil, Krach (= Börsenkrach), Leitmotiv, Mannschaft, Nazi, Poltergeist, Schnauzer, Waldsterben, Zeitgeist.

In einem späteren Beitrag über die Etymologie widmen wir uns den deutschen Wörtern in weiteren Fremdsprachen.

Hals- und Beinbruch!

Siegfried Theissen

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4 Kommentare
  1. bruels werner

    Dem Duden ist kein „Adjudant“, wohl aber ein „Adjutant“ bekannt.

  2. Christine Pagnoulle

    Es wäre wohl auch interessant zu wissen, was Wörter die vielen Emigranten zu den Vereinigten Staaten mitgenommen hatten.

  3. JEF VROMANS

    Von einer Hassliebe den Deutschen gegenüber habe ich früher, als ich noch Niederländer war, eigentlich kaum etwas gemerkt. Ich würde eher sagen, weder Hass noch Liebe…

    Über deutsche Wörter und Wendungen im Niederländischen ist noch hinzuzufügen, dass es auch Beispiele von „pseudo-Deutsch“ gibt: neben ‚unheimlich‘ kommt z.B. ‚unheimisch‘ vor, was noch im Grimmschen Wörterbuch steht, heute jedoch als veraltet gilt. Und dann hört man im Niederländischen oft auch „dat komt niet im Frage“ (also mit „im“ statt dem korrekten „in“). Dass dieser Fehler nicht auf den Gebrauch in der niederländischen Sprache beschränkt ist, lehrt uns der deutsche Google mit ungefähr 1.300 Ergebnissen!

  4. Peter Debrabandere

    Diese Hassliebe hat es bis in die achtziger Jahre gegeben. Zwei Beispiele: 1. In einem in Deutschland ausgetragenen Länderspiel zwischen Deutschland und den Niederlanden, das natürlich im niederländischen Fernsehen übertragen wurde, sah man plötzlich ein Spruchband, auf dem stand: ‚Oma, ik heb je fiets gevonden!‘ (Oma, ich habe dein Fahrrad gefunden!). Halb Holland lachte sich tot, aber keiner der deutschen Kommentatoren hatte verstanden, worum es ging. Gegen Kriegsende, als die deutschen Soldaten sich schleunigst aus den Niederlanden davonmachen mussten, nahmen sie alles, was Räder hatte, auch die den Niederländern so teuren Fahrräder. Das, und die Zerstörung Rotterdams, hatten die Niederländer nicht vergessen.
    2. Noch in den achtziger Jahren berichtete ein niederländischer Korrespondent in Deutschland, dass er, wenn er mit seinem deutschen Nummernschild nach Amsterdam fuhr, immer eine niederländische Zeitung so auf den Fahrersitz legte, dass man sie gut sehen konnte, weil er Angst hatte, dass ihm jemand eine Scheibe einschlagen würde.

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