Das passt wie die Faust aufs Auge!

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Prof. Siegfried Theissen (10): Diesmal sind Redensarten mit Auge(n), Mund und Zahn an der Reihe.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Von den zahlreichen Redensarten mit Auge(n) gibt es nur wenige, deren Herkunft man erklären muss oder die zu einem Kommentar herausfordern.

Jemandem Sand in die Augen streuen (ihn täuschen) findet seinen Ursprung im alten Rom und zwar im Kampf der Gladiatoren, wobei einer der Kämpfer versuchte, dem Gegner Sand aus der Arena in die Augen zu schleudern, um ihn momentan erblinden zu lassen und ihn dann besser besiegen zu können.

Das passt wie die Faust aufs Auge (also gar nicht) versteht man, weil das Auge das empfindlichste Organ überhaupt ist, die Faust dagegen nur ein plumpes ‚Schlagwerkzeug‘.

Wie Schuppen von den Augen fallen (plötzlich die Zusammenhänge erkennen) findet man schon in der Bibel, und zwar in der Apostelgeschichte. Es handelt sich dort um das bekannte Damaskus-Erlebnis, wo aus Saulus ein Paulus wurde. Nun gibt es zwar Schuppen auf den Haaren, aber nicht auf den Augen. Diese Redensart ist also nur im übertragenen Sinn zu verstehen.

Andere Redensarten fordern förmlich zu einem Kommentar heraus: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sollte man nicht zu wörtlich nehmen, denn wie sollte das gehen? Ein Auge zudrücken entspricht dem französischen fermer les yeux. Die Franzosen müssen also beide Augen zudrücken, vielleicht, weil dort die Korruption noch größer ist?

Deine Augen sind größer als dein Magen: Glaube ich einfach nicht! Ein Auge auf jemanden werfen: Lieber nicht, es sei denn, man bekommt es zurück! Ein sicheres Auge haben (gut schießen können). Müsste es nicht eher heißen eine sichere Hand haben? Denn wenn die zittert, schießt man auch daneben.

Wo hattest du denn deine Augen? finde ich eine dämliche Frage. Doch nicht etwa in der Tasche? Vier Augen sehen mehr als zwei: Damit würde keine Spinne sich zufriedengeben, denn sie hat deren acht! Tomaten auf den Augen haben kann man von einer Frau sagen, die ‚mal was anderes probieren wollte als Gurkenscheiben, um ihre Haut zu glätten.

Paradox ist, wenn ein Blindgänger sehenden Auges in sein Unglück rennt oder wenn ein (menschlicher) Esel Hühneraugen und Krähenfüße hat.

Als Anti-Sprichwort (siehe weiter unten) fällt mir nur ein: Die Liebe ist blind, die Ehe öffnet die Augen.

Es gibt nur einige der zahlreichen Redensarten mit Mund, die es wert sind, erklärt zu werden: Den Ursprung von kein Blatt vor den Mund nehmen (rücksichtslos seine Meinung sagen) findet man im Theater des griechischen Altertums: Bevor die Schauspieler sich hinter Masken verbargen, versteckten sie ihr Gesicht hinter einem Feigenblatt, um nicht erkannt zu werden, wenn sie politisch oder moralisch Anrüchiges aufsagten. Wer kein Blatt vor den Mund nahm, war nicht bang, seine Meinung zu sagen.

In der Redensart Maulaffen feilhalten (mit offenem Mund untätig oder staunend herumstehen) hat Maul nichts mit Mund zu tun: Es gibt u.a. Brüllaffen und Rhesusaffen, aber keine Maulaffen. Der Ursprung ist das dialektische de Mull open halten, also mit offenem Mund da stehen. Feilhalten (zum Verkauf anbieten) ist dann später dazugekommen, als man die ursprüngliche Wendung nicht mehr verstand.

Jemanden mundtot machen (ihn zum Schweigen verurteilen) ist auch nicht auf Mund zurückzuführen, sondern auf ein altes deutsches Wort, das Schutz bedeutet und das man noch in Vormund und entmündigen (die erste Bedeutung von mundtot) findet.

Mit einem silbernen (manchmal auch goldenen) Löffel im Mund geboren sein (als Kind reicher Eltern geboren sein) haben wir von den Engländern übernommen: to be born with a silver spoon in one’s mouth. Der Trost armer Kinder ist, dass auch reiche Kinder einmal den Löffel abgeben müssen. Wenn man von einer Frau sagt: Sie hat den schönsten Mund weit und breit, dann muss das nicht unbedingt ein Kompliment sein!

Einige Redensarten mit Mund sollte man nicht allzu wörtlich nehmen: Jemandem über den Mund fahren (ihn unhöflich unterbrechen), jemandem das Wort im Mund herumdrehen (wie soll das gehen?), sich den Mund fusselig reden, jemandem den Mund stopfen oder auch noch: Hast du den Mund verloren? Eine ziemlich dumme Frage!

Sprichwörter mit Mund sind eher selten. Bekannt ist jedoch Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über (wer viel Freude oder Kummer empfindet, der will es anderen mitteilen).

Zum Mund gehören ja auch die Zähne: Hier gibt es zwei Redensarten, die es wert sind, erklärt zu werden: Jemandem auf den Zahn fühlen (seine Fähigkeiten oder seine Meinung ergründen wollen) bezieht sich auf Pferdehändler, die dem Pferd, das sie kaufen wollen, ins Maul schauen, um anhand der Zähne zu sehen, ob das Tier gesund ist und wie alt es ist. Deshalb sagt man ja auch: Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul.

Übrigens: Wenn der Zahnarzt Ihnen auf den Zahn fühlt, sollten Sie nicht beleidigt sein. Wenn er aber einen Zahn zulegen will, sollten Sie zuerst nach dem Preis fragen.

Das werde ich mir hinter die Ohren schreiben!

Siegfried Theissen

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2 Kommentare
  1. bruels werner

    Nicht nur der Mund hat Zähne – von daher passt die Redensart „einen Zahn (=Zacken) zulegen“ nicht so gut hierher.

    Sie wird meist auf die Zeit zurückgeführt, als in den Küchen noch über offenem Feuer gekocht wurde. Weil man dabei die Hitze nicht regulieren konnte, hing über der Kochstelle eine sogenannte „Hahl“ – ein Metallgestänge mit Zacken, an denen unten ein Topf eingehängt wurden. In diese Zacken – auch Zähne genannt – konnte der Kessel höher oder tiefer eingehangen werden. Wollte man, dass das Essen stärker kocht, hing man den Kessel tiefer – man legte „einen Zahn zu“.

  2. Siegfried Theissen

    Lieber Herr Brülls,
    Ich freue mich über jeden Kommentar, auch wenn es eine Korrektur ist.
    Vielleicht hätte ich ‚einen Zahn zulegen‘ erklären müssen, wie Sie es getan haben.
    Trotzdem hat Zahn (=Zacke) hier seinen Ursprung im Mund, denn diese Zacken wurden wegen der Ähnlichkeit mit unsern Zähnen auch ‚Zähne‘ genannt, wie Sie selbst schon erwähnen. M.f.G.

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