Das werde ich mir hinter die Ohren schreiben!

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Prof. Siegfried Theissen (9): Voriges Mal sprachen wir über Redensarten mit Nase. Diesmal geht es zuerst um unsere Ohren. Dann beschäftigen wir uns wieder mit einigen Sprichwörtern, die zum Nachdenken verleiten.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Der Übergang von Nase zu den Redensarten mit Ohr(en) findet sich in jemandem Nase und Ohren abessen/abfressen (völlig auf jemandes Kosten leben). Dies kommt im wörtlichen Sinn eigentlich nur bei Kannibalen vor. „Abschneiden“ dagegen gehört bei gewissen Völkern zum Usus!

Wenn man jemanden übers Ohr haut (ihn betrügt; deshalb muss man aber nicht unbedingt handgreiflich werden), denkt man nicht mehr an die ursprüngliche Bedeutung beim Fechten, bei dem ein Hieb über das Ohr den Gegner einen Augenblick lang taub machte. Man kann jemandem auch das Fell über die Ohren ziehen. Die eigentliche Bedeutung bezieht sich auf die Arbeit des Kürschners, der dem Pelztier das Fell über die Ohren zieht. Später wurde dies dann im übertragenen Sinn (jemanden betrügen) gebraucht und somit zur Redensart.

Wer es faustdick hinter den Ohren hat (durchtrieben, gerissen ist), dem traut man das nicht direkt zu, obwohl man es ja direkt sehen müsste. Die Herkunft wurzelt, wie so oft, in einem Volksglauben: Man dachte früher, dass sich die Hinterlistigkeit eines Menschen hinter seinen Ohren befand. Je dicker der Wulst hinter den Ohren, desto hinterhältiger jemand war.

Wenn man von jemandem sagt, dass er noch grün, noch nicht trocken hinter den Ohren ist (noch jung und unerfahren ist), dann weiß nicht jeder, dass sich diese Redensart ursprünglich auf einen Neugeborenen bezog, der tatsächlich noch etwas feucht hinter den Ohren ist.

Jemandem einen Floh ins Ohr setzen (jemandem etwas sagen, das ihm dann keine Ruhe mehr lässt) haben wir aus dem Französischen (mettre la puce à l’oreille) entlehnt, das jedoch nicht genau die gleiche Bedeutung hat, nämlich „bei jemandem Zweifel und Argwohn erwecken“ und dessen Herkunft leider nicht bekannt ist.

Einen kleinen Mann im Ohr haben (nicht alle Tassen im Schrank haben), jemandem ein Ohr abreden und jemandem in den Ohren liegen scheinen mir Dinge der Unmöglichkeit zu sein. Dagegen ist sich aufs Ohr legen viel logischer als das französische „dormir sur ses deux oreilles“. Wie soll das denn gehen?

Die interessanteste Herkunft einer Redensart mit Ohren ist die von das werde ich mir hinter die Ohren schreiben (das werde ich mir gut merken): Als viele Leute weder lesen noch schreiben konnten, gab es eine originelle Methode, um sich an die Grenzmarkierung eines Feldes zu erinnern. Damit auch die zukünftige Generation sich an das mündliche Abkommen der zwei Parteien erinnere, ließ man jeweils ein Kind der beiden Familien kommen, erklärte ihnen, was es mit dem Vertrag auf sich hatte und versetzte beiden eine schallende Ohrfeige, damit sie das alles nie vergessen sollten. Man schrieb ihnen das Abkommen also wörtlich hinter die Ohren.

Und nun prüfen wir Sprichwörter auf ihren Wahrheitsgehalt: Armut ist keine Schande kann man auch so interpretieren: „Bleib du mal schön arm, so schlimm ist das nicht und eine Schande schon gar nicht!“ Auf einem Bein kann man nicht stehen wurde von einem Wirt oder einem Säufer erdacht.

Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil! ist nur eine Entschuldigung dafür, dass man sich genau so grob benehmen darf wie sein Gegenspieler. Aufgestanden, Platz vergangen ist ebenfalls nur eine Rechtfertigung dafür, dass man jemandem, der gerade ‚mal seinen Platz verlassen hat, einfach den Stuhl wegnimmt.

Auge um Auge, Zahn um Zahn stammt zwar aus der Bibel, ist aber trotzdem nicht zu empfehlen, denn wenn jeder so handeln würde, wäre die Menschheit in kürzester Zeit blind und jeder brauchte Zahnprothesen. Die Zahnärzte würden sich freuen!

Aus Kindern werden Leute ist wirklich kein Gipfel an Originalität. Besser sein als scheinen ist zwar moralisch vertretbar, aber ob man damit weit kommt, ist fraglich.

Besser Unrecht leiden, als Unrecht tun: Noch besser wäre es, sich kein Unrecht gefallen zu lassen. Borgen macht Sorgen: Wenn jeder so handeln würde, wie das Sprichwort es empfiehlt, bräche unser ganzes Wirtschaftssystem zusammen.

Auf Flügeln der Nase?

Siegfried Theissen

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