Auf Flügeln der Nase?

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Prof. Siegfried Theissen (8): Diesmal beschäftigen wir uns zuerst mit Redensarten, in denen die Nase eine Rolle spielt, dann mit einigen Sprichwörtern, die wir auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen werden.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Die Nase hat es den Sprachschöpfern angetan, denn man findet sie in zahlreichen Redensarten, von denen die meisten aber so transparent sind, dass man sie nicht erklären muss.

Einige sind jedoch erklärungsbedürftig: Jemandem eine lange Nase machen („jemanden verspotten, indem man den Daumen an die Nase hält und mit gespreizten Fingern auf ihn zeigt“ Wahrig). Man verlängert die Nase also um eine Hand- oder Fußbreite. Deshalb sagen die Franzosen faire un pied de nez à quelqu’un. Jemanden an der Nase herumführen (jemanden mit Worten hinhalten) findet wahrscheinlich seinen Ursprung im Zirkus, wo der Dompteur an einem Seil einen Bären herumführte. Dieses war an einem Ring befestigt, der durch die Nase des Tieres ging.

Jemandem etwas nicht auf die Nase binden (jemandem kein Geheimnis anvertrauen) mutet eigenartig an, aber gemeint ist, dass, wenn man es täte (aber wie soll das dann vor sich gehen?) jeder sofort das auf die Nase Gebundene sehen würde und es also kein Geheimnis mehr wäre.

Die Herkunft der Redensart sich an die eigene Nase fassen (sich um seine eigenen Fehler kümmern, bevor man andere kritisiert) finde ich besonders interessant: Im alten normannischen Recht musste jemand, der einen anderen fälschlicherweise beschuldigt hatte, sich öffentlich an die Nase fassen, um damit zu zeigen, dass er der Schuldige war.

Ich seh es dir an der Nasenspitze an (ich seh es dir an) geht auf einen alten Volksglauben zurück. Man dachte, dass die Nasenspitze verriet, ob jemand die Wahrheit spricht. Man braucht hier nur an Pinocchio zu denken. Jemandem die Würmer aus der Nase ziehen (jemandem durch geschickte Fragen seine Geheimnisse entlocken) ist zwar fies, findet sich aber schon in Goethes Faust I, in einer Szene in Auerbachs Keller. Die Herkunft ist besonders interessant: Früher glaubte man, dass Schwermut durch Würmer im Gehirn verursacht wurde. Noch im 17. Jahrhundert behaupteten Kurpfuscher, Schwermütige heilen zu können, indem sie ihnen die Würmer durch die Nase aus dem Gehirn zögen.

Alle nase(n)lang (immer wieder) ist die Umdeutung einer Länge in eine Zeitspanne: Man meint die Zeit zwischen zwei Augenblicken, die nur soweit voneinander entfernt sind wie die Länge einer Nase.

Einige Redensarten, wenn man sie wörtlich nehmen würde, veranlassen mich zu einem Kommentar: Die Nase voll haben muss nicht unbedingt bedeuten, dass man sich schneuzen muss. Immer der Nase nach gehen. Aber tun wir das nicht sowieso? Es sei denn, wir gehen rückwärts! Sich eine goldene Nase verdienen: Nein danke, wie sähe das denn aus? Und man denke mal an das Gewicht!

Sich auf der Nase herumtanzen lassen (mit jemandem tun, was man will) scheint mir auch ziemlich unwahrscheinlich, es sei denn, man hat einen so großen Gesichtserker (weil man beim Austeilen der Nasen zweimal „hier“ gerufen hat), dass dies möglich wird. Eine Nase hat ja Flügel und eine Lunge auch. Auf Flügeln des Gesanges kennen wir spätestens seit Heine oder Mendelssohn, aber auf Flügeln der Nase oder auf Flügeln der Lunge, ginge das?

Sprichwörter haben mich immer fasziniert, vielleicht, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin. Meine Mutter kannte eine Unmenge an Sprichwörtern und bei jeder Gelegenheit war eins fällig. Manchmal ging mir das auf die Nerven, denn ein Sprichwort duldet ja normalerweise keine Widerrede. Da es sich nach Wahrig um eine „kurze, in ausdrucksvoller, einprägsamer Form überlieferte Lebensweisheit“ handelt, hält man seinen Inhalt für allgemein verbindlich.

Jeder kennt einige Dutzend Sprichwörter (die man von Redensarten wie mir geht ein Licht auf oder auf keinen grünen Zweig kommen unterscheiden sollte), aber es dürfte nicht allgemein bekannt sein, dass in „Sprichwörtern A-Z“ von Kirchberger (Orbis Verlag) mehr als 5.000 stehen. Viele stammen aus der Bibel und so findet man sie denn auch in den anderen Sprachen christlicher Kultur.

Von der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach oder viele sind berufen, aber wenige auserwählt weiß jeder das. Aber auch man kann nicht zwei Herren dienen ist schon in der Bibel zu finden.

Heißt das jedoch, dass alle Sprichwörter „wahr“ sind? Schauen wir uns mal einige an: Abends werden die Faulen fleißig. Aber ist es nicht gerade das Merkmal des Faulen, dass er nie fleißig wird, auch nicht abends? Alle Schuld rächt sich auf Erden. Wäre das nur wahr! Angriff ist die beste Verteidigung. Kann aber auch in die Hose gehen!

Arbeit macht das Leben süß. Wurde von einem Arbeitgeber erfunden, bestimmt nicht von einem Arbeiter. Oder fragen Sie mal die Arbeiter in gewissen asiatischen Ländern, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen für einen Hungerlohn unsere billigen T-Shirts machen.

Nächstes Mal sind in den Streifzügen die Ohren an der Reihe.

Vatersprache

Siegfried Theissen

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Ein Kommentar
  1. Werner Bruels

    Mancher Naseweis steckt seine Nase überall hinein. Dabei denkt er nicht weiter, als seine Nase reicht bzw. lang ist. Und schon fällt er auf die Nase, wenn er nicht schon längst eins auf die Nase bekommen hat. Wenn er beim nächsten Mal genug pro Nase vorsieht, läuft er sich auch nicht die Nase auf.

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