Vatersprache

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Prof. Siegfried Theissen (7): Gegenstand dieses Beitrags ist der feministische Einfluss auf die Sprache und im Besonderen auf die Feminisierung der Berufsbezeichnungen.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Wer mehr dazu wissen will, findet sehr viel Informationen in der Studie von Marketa Dadkova („Weibliche Berufsbezeichnungen im heutigen Deutsch“), die 1.600 weibliche Berufsbezeichnungen aufgelistet und analysiert hat (siehe Google).

Ich beschränke mich hier auf die Entwicklung der männlich (Feministen sagen sexistisch) geprägten deutschen Sprache, die eine männliche Sicht der Welt widerspiegelt, nach dem Motto „Der Vater liest die Zeitung, die Mutter liest Erbsen“.

Nun muss man zuerst einmal unterscheiden zwischen dem grammatischen Geschlecht (der Tisch, das Heft, die Uhr) und dem natürlichen Geschlecht (der Mann, die Frau, das Mädchen, aber auch das Kind, das geschlechtsneutral ist).

Die durch die feministische Linguistik bewusst angestrebte Sprachwandlung ist eine politisch motivierte Sprachpolitik, mit der die Frauenbewegung der Unterdrückung der Frau durch den Mann ein Ende bereiten will. In den USA haben die Feministen sogar versucht, das Wort history (interpretiert als seine Geschichte, also eine Geschichte von Männern aus der Sicht der Männer erzählt) durch *herstory zu ersetzen.

Im deutschen Sprachbereich hat es zwar einmal den (hoffentlich nicht ernst gemeinten) Versuch gegeben, neben man (kann ja nie wissen) auch *frau (kann ja nie wissen) zuzulassen, aber in der Regel ist es bei der Feminisierung der Berufsbezeichnungen geblieben. Die Frauenbewegung duldete nicht mehr, dass maskuline Formen generisch verwendet wurden: Ob Minister sich auf einen Mann oder eine Frau bezog, war nur aus dem Kontext ersichtlich.

Nun gibt es im Deutschen, wenn man einmal absieht von einigen fremdsprachlichen Suffixen, wie -euse (z.B. Friseuse, die jetzt von der Friseurin verdrängt wird), ein einfaches Mittel, um aus einem männlichen Beruf einen Frauenberuf zu machen, nämlich das Suffix in. So konnte aus einem Minister ohne Probleme eine Ministerin werden. Ohne Probleme? Denkste! Einige Ministerinnen wollten anfangs gar nicht so genannt werden. Sie zogen Frau Minister vor, weil sie sich dem Sozialprestige der Männer zuordnen wollten und nicht in die Frauenecke gestellt werden wollten.

Auch mit Sekretärin gibt es Probleme: Ein Sekretär einer Vereinigung kann mehrere Sekretärinnen haben. Deshalb wollen weibliche Sekretäre manchmal nicht Sekretärin genannt werden. Früher gab es schon die Majorin, aber das war keine Offizierin, wie heutzutage, sondern die Frau des Majors. In der heutigen Welt kann sie beides zugleich sein.

Durch die berufliche Emanzipation der Frau mussten weibliche Wortformen gefunden werden für Berufe, die früher nur von Männern ausgeübt wurden. Nun gibt es neben den männlichen Formen u.a. auch Bauherrinnen, Fischerinnen, Försterinnen, Holzfällerinnen, Jägerinnen, Matrosinnen, Maurerinnen und Poetinnen (hat nichts mit Russland zu tun!).

Es gibt jedoch Fälle, in denen die -in-Ableitung nicht möglich ist: So kann aus einem Ober keine Oberin werden, weil das Wort schon von der religiösen Bedeutung ‚besetzt‘ ist. Dann muss man zum neutralen Wort Bedienung oder zum Fräulein greifen, das hier möglich ist, aber nicht mehr als Anrede und Bezeichnung unverheirateter Frauen, für die nur Frau politisch korrekt ist.

Ist die männliche Berufsbezeichnung eine Zusammensetzung mit -mann, dann wird bei der weiblichen Entsprechung der Mann zur Frau: Kaufmann – Kauffrau, Kameramann – Kamerafrau. Beim englischen -man wird der Mann jedoch zum -woman: Stuntman – Stuntwoman.

Neben den Ableitungen von männlichen Namen (manche Feministinnen empfinden die Ableitung als solche schon verwerflich! Vielleicht denken sie an die Geschichte der Entstehung der Eva aus Adam) kam es auch zur Aufwertung von weiblichen Berufen: Die Magd wurde zum Zimmermädchen (aber doch nicht auf dem Dorf!) und dann zur Hausangestellten oder zur Hotelangestellten.

Die Sprechstundenhilfe wurde zuerst zur Arzthelferin promoviert und dann zur medizinischen Fachangestellten (-helferin war der Störfaktor) aufgewertet. Die Putzfrau entpuppte sich als Raumpflegerin (war zuerst nur scherzhaft gemeint und kommt auf Google zwanzigmal weniger oft vor als Putzfrau) und dann zur neutralen Reinigungskraft. Ein Witzbold hat einmal den Namen Fußbodenmasseuse vorgeschlagen. Dagegen haben die etablierten Masseusen jedoch vehement protestiert.

Zusammensetzungen mit -kraft sind immer dann praktisch wenn man ein neutrales Wort braucht, das sowohl für Männer als auch für Frauen verwendet werden kann: Aushilfskraft, Hilfskraft, Pflegekraft usw.

Vielleicht könnten sich die Feministen trösten mit dem Gedanken, dass es für einige weibliche Namen keine männliche Entsprechung gibt, z. B. für die Milchmädchenrechnung (obwohl es ja Milchjungen gibt!) und für das fleißige Lieschen (ich meine natürlich die Pflanze!).

Auch eine männliche Bardame scheint mir nicht gut möglich, ein Barkeeper ist ja was anderes. Zur Krankenschwester passt nur der Krankenpfleger, nicht der *Krankenbruder, zur Hebamme nur der Entbindungspfleger, zur Ballerina nur der Balletttänzer. Zur Strickerin gibt es zwar einen Stricker, aber zur Näherin noch keinen *Näher.

Übrigens hat nicht immer die männliche Form den Sieg davongetragen: Bruder und Schwester sind Geschwister (das allerdings zuerst nur die Gesamtheit der Schwestern bedeutete), nicht Gebrüder.

In einigen Fällen war die weibliche Form zuerst da und ist das männliche Wort davon ‚abgeleitet‘, besser gesagt rückgebildet: Zuerst übten nur Frauen den Beruf einer Kindergärtnerin aus. Als dann auch Männer eingesetzt wurden, brauchte man das Wort Kindergärtner.

Ich habe mich hier zwar auf die Berufsbezeichnungen beschränkt, aber der feministische Einfluss auf die Sprache hat sich auch auf die Politik ausgewirkt: Wenn ein Politiker (der oft meint, die Sprache bestimme das Soziale, obwohl sie es lediglich widerspiegelt) sich nur an seine Wähler richten würde, könnte er seine Wiederwahl vergessen. Politisch korrekt ist: Liebe Wählerinnen und Wähler. Eine Politikerin sagt dann höflicherweise: Liebe Wähler und Wählerinnen.

Um die lästigen Doppelformen, wenigstens in der Schrift, zu vermeiden hat man u.a. das Innen-I erfunden: Liebe WählerInnen. Da aber niemand weiß, wie man das aussprechen soll, hat dieser Versuch nicht gefruchtet.

Wenn die Feministen weiterhin Erfolge buchen können, dann werden die Männer eines Tages, neben der Muttersprache für alleinerziehende Väter auch eine *Vatersprache verlangen.

Übrigens: Engel ist noch immer männlich, auch wenn jeder weiß, dass damit eigentlich nur eine Frau gemeint sein kann.

Zehn kleine Negerlein oder zehn kleine Kinderlein?

Siegfried Theissen

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4 Kommentare
  1. Christine Pagnoulle

    Wie immer sind die Anmerkungen von Prof. Theissen zugleich witzig und hoch interessant. Welche weibliche Formen gebrauchen werden sollen, ist ja in allen Sprachen zur Zeit eine empfindliche Sache. Wie auch in er Notiz bemerkt, bei höheren sozialen Stellen werden die Frauen selbst lieber eine nich feminisierte Form lieber haben – Präsident, nicht Präsidentin, Minister nicht Ministerin (auf französisch gibt’s hier keine Wahl ‚ministre‘). Das Wort ‚Bauherr‘, das ‚Bauherrin‘ wird, finde ich ganz faszinierend, oder heisst es nicht, ursprünglich, der Herr, der für das Bauen verantwortlich ist; doch wird das Wort nicht Baufrau oder Baudame… Eine Frau Oberin gibt es nicht nur in einem religiösen Kontext sondern auch in Krankenhäusern, oder?
    Ich glaubte eigentlich, dass die -Innen Formen auf deutsch jetzt ganz üblich waren, aber das kommt wahrscheinlich daher, dass ich viele Links-Radikale Texte lese.

  2. Maria van Straelen

    fuer mich sind die Formen wie Buergerin und Waehlerin die eigentliche Diskriminierung. Dies waren stets PERSONEN, die Waehler oder Buerger sein durften, erst durch die `Verweiblichung` merkte ich, das ich frueher gar nicht dazugehoerte. Ausserdem macht es die nicht gerade fluessig und elegant wirkende deutsche Sprache noch stolpriger. Ich warte auf die Bezeichnung Menschin, denn sind wir Frauen wirklich (nur) Menschen ? Die ganzen Berufsbezeichnungen verweisen eigentlich nur auf die Funktion, nicht aufs Geschlecht, das wird erst durch die Doppelform relevant. Nein liebe Feministinnen, dies ist mehr als kontraproduktiv. Regt Euch dann. lieber auf ueber DAS Maedchen …

  3. Yves Tychon

    Achten Sie mal auf folgendes, liebe Leserinnen und Leser: Wenn nach Wahlen eine Regierungsbildung zur Schwergeburt wird, machen Politiker und Politikerinnen dafür immer den Wählerwillen verantwortlich, den es zu achten gilt. Die Männer haben es also verbockt, am Wählerinnenwillen liegt es nie und nimmer !

  4. Norbert Schleck

    Ja, Herr Tychon, und auch das Verbrechen ist fest in männlicher Hand, oder liest man jemals von „Verbrecherinnen und Verbrechern“, Drogenhändlerinnen und Drogenhändlern, Mörderinnen und Mördern, Steuerhinterzieherinnen und -hinterziehern, Raserinnen und Rasern, usw. ?

    Faszinierend auch, dass den Damen immer und überall galant der Vortritt gelassen wird, wie in früheren Zeiten. Die deutsche Verteidigungsministerin spricht immer von „Soldatinnen und Soldaten“. Ob es beim Sturmangriff dann auch heißt: „Ladies first“?

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