Zehn kleine Negerlein oder zehn kleine Kinderlein?

Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache von Professor Siegfried Theissen (6): Diesmal beschäftigen wir uns mit dem Einfluss der politischen Korrektheit auf die Muttersprache.

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Siegfried Theissen unternimmt "Schmunzelnde Streifzüge durch die Muttersprache"

Dieses Schlagwort stammt aus dem englischsprachigen Raum der 80er Jahre. Vor allem die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung versuchte, der Diskriminierung von Minderheiten mit Hilfe nicht wertender, neutraler Sprache entgegenzuwirken.

Ich klammere hier bewusst den Feminismus aus, denn das ist schon an sich ‚ein weites Feld‘ (hätte Fontane gesagt) und würde deshalb den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Ich komme jedoch in einer späteren Ausgabe darauf zurück.

Unter ‚Minderheiten‘ versteht man Angehörige einer bestimmten Ethnie und Menschen mit körperlichen oder/und geistigen Einschränkungen. So waren Neger, Indianer und Eskimos (‚Rohfleischfresser‘) auf einmal verpönt und sollten ersetzt werden durch Afro-Amerikaner, (nachdem man es zuerst versucht hatte mit black people und coloured people, in Deutschland Schwarzafrikaner), Ureinwohner (native Americans) und Inuit (Einzahl: Inuk, was in der Eskimosprache nichts anderes heißt als Mensch).

Nun weiß jeder Lateinkundige, dass Neger (Niger) ‚Schwarzer‘ heißt. Die Frage ist nur: Ab welcher Farbschattierung gilt man als schwarz? Es würde z. B. niemandem einfallen, einen schwarzen Inder als Neger und noch weniger als Schwarzafrikaner zu bezeichnen.

Ob die Indianer die allerersten Bewohner Nordamerikas waren, ist auch umstritten. Am besten nachvollziehbar ist die Tabuisierung von Neger, die auch, nachdem sie keine Sklaven mehr waren, von den Weißen (die nun auf einmal Kaukasier hießen), vor allem in den rassistischen Südstaaten sehr schlecht behandelt wurden und das bis weit in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Bei den körperlichen und geistigen Einschränkungen wurde der Begriff behindert durch Behinderung und herausgefordert ersetzt: ein Krüppel war nun ein Mensch mit Behinderung (was sich auch besser anhört), ein geistig Behinderter sollte nun mental herausgefordert genannt werden und ein Blinder entpuppte sich als visuell Herausgeforderter. Dies führte zu Scherzbegiffen wie vertikal herausgefordert für Kleinwüchsige (Zwerg geht gar nicht mehr!) und gravitativ benachteiligt für Übergewichtige.

Der Asylant wurde zum Asylbewerber und, wenn er denn eingebürgert war, zum Mitbürger mit Migrationshintergrund. Übrigens haben alle Amerikaner einen Migrationshintergrund! Auch gegen Mulatte (könnte zweirassig werden) hatte man etwas einzuwenden, was verständlich wäre, wenn man die Etymologie kennen würde (aus dem Spanischen „mulato“, Maultier, d.h. einer Kreuzung von Eselshengst und Pferdestute), aber weiß Otto Normalverbraucher oder (um politisch korrekt zu bleiben) Lieschen Müller das?

Zigeuner durften nur noch Sinti und Roma genannt werden, was die Frage aufwirft, ob man nicht eine ganze Reihe von deutschen Operetten, in denen es nur so wimmelt von Zigeunern, nicht umschreiben müsste? Ich freue mich übrigens schon auf ein Roma-und-Sinti-Schnitzel!

Das Verb türken (verfälschen, nachmachen, z.B. ein getürkter Autounfall) ging auch nicht mehr, denn es hätte ja die Türken oder die Deutschen türkischer Abstammung beleidigen können.

Der Negerkuss (als Gebäck, bitte schön!) wurde vom Schokokuss verdrängt und die Mohrenköpfe durch Schaumküsse oder Choco-Köpfli. Auch mit den Zehn kleinen Negerlein (jetzt: Zehn kleine Kinderlein) gab es auf einmal Probleme.

Für Nonnenfurz hat man noch keinen richtigen Ersatz gefunden, denn hörbare Nonnendarmblähungen hört (!) sich ja nicht gut an. Es würde mich nicht erstaunen, wenn auf einmal Schwarzarbeit (nur das Wort!), Schwarzfahrer, Schwarzhandel und schwarzer Peter zu Tabuwörtern erklärt würden. In Holland versuchen einige schon dem zwarte Piet (Knecht Rupprecht) seine schwarze Hautfarbe zu nehmen.

Die erstaunlichste Umwandlung (die jedoch noch nicht abgeschlossen ist) findet man bei taubstumm, das durch gehörlos ersetzt werden soll, denn stumm (sprachlos) ist man nicht, wenn man sich durch Zeichensprache verständigen kann.

Das heikelste Wort seit der Nazizeit ist Jude. Als politisch korrekt gelten jüdischer Mensch, jüdischer Mitmensch oder Mensch jüdischen Glaubens, aber das gilt nur für Gläubige. Das geflügelte Wort Dafür gibt der Jude nichts geht gar nicht mehr. Hier muss man höllisch aufpassen, denn wenn man z.B. die israelische Siedlungspolitik kritisiert, wird man sofort zum Antisemiten.

Die politische Korrektheit ist so weit ausgeufert, dass es auch keine dummen Schüler mehr gibt, denn sie sind über Nacht lernschwach oder lernbehindert geworden, was sich zugegebenermaßen für die armen Eltern viel besser anhört.

Im Zuge der Gleichberechtigung und der Antidiskriminierung warte ich jetzt auf den ersten Fernsehansager, der (die erste Fernsehansagerin, die) stottert.

Ich schlage auch vor, spanische Reiter (hölzerne Sperrvorrichtung überzogen mit Stacheldraht) umzubenennen, denn die könnten die Spanier verärgern. Von mir aus dürfen die französischen Wörterbücher aber weiterhin une querelle d’Allemand (ein Streit ohne besonderen Grund) aufnehmen, denn ich fühle mich als Nichtdeutscher dadurch nicht beleidigt.

Die Kritiker der politischen Korrektheit weisen darauf hin, dass, was anfangs ein lobenswerter Antirassismus und die Rücksichtnahme auf Behinderte war, durch selbsternannte Sprachpolizisten, die glaubten, das Gesellschaftsbild über den Weg der Sprachnormierung korrigieren zu können, ad absurdum geführt wurde.

Man sollte die Sprache nicht immer beim Wort nehmen, denn auch ein Atheist darf in Bayern ‚Grüß Gott‘ sagen und der Bayer meint es meistens nicht wörtlich, wenn er ‚Leck mich am Arsch‘ sagt.

Ich darf mich jetzt (auf) französisch empfehlen und wenn meine frankophonen Freunde mir deshalb böse sind, berufe ich mich auf meine englischen Freunde, die auch sagen to take French leave, also muss etwas dran sein!

Köpfchen, Köpfchen!

Siegfried Theissen

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5 Kommentare
  1. Robert Langela

    Wunderschön! Ich erinnere mich an einen Deutschen Kollegen, der Freitagsnachmittag in meinem Büro weilte. Als er nach Hause wollte, machte sein Auto nicht mit. Er wunderte sich, dass ich meinen „Garagisten“ angerufen habe, war dann aber doch heilfroh darüber, denn sein „Werkstattleiter“ hätte ihn am Freitag nach 17 Uhr nicht „depanniert“ . Ihre Veröffentlichungen sind köstlich. Danke dafür

  2. Mario Meis

    Einfach köstlich!
    Warum darf man eigentlich nicht mehr Friseuse sagen?
    Vielleicht sollte man /frau mal ein Buch darüberschreiben, was man /frau nun sagen darf und was nicht!!

  3. Harry Mohné

    Ja, köstlich und wunderschön. Ein weißer Mann, der sich bei seinem schmunzelnden Streifzug über die Auswüchse der „political correctness“ amüsiert. Der sogar ein wenig Verständnis für die Idee dahinter hat, denn schließlich wurden die Neger „bis weit in die 1960er Jahre“ „in Teilen der USA“ schlecht behandelt.
    Aber mittlerweile geht diese Entwicklung zu weit. Es tut ja auch wirklich weh und ist eine totale Verarmung der deutschen Sprache, wenn man Schokokuss sagen muss, wenn man eigentlich Mohrenkopf meint. Und überdies ist es unnötig: Denn Diskriminierung, ob durch Sprache oder nicht, die gibt es ja mittlerweile nicht mehr. Minderheiten, Frauen, Behinderte – denen geht es doch gut! Wirklich diskriminiert sind nur noch die, die von der Sprachpolizei verfolgt werden. Die müssen aufpassen, was sie sagen! Möglicherweise ernten sie Kritik!
    Aber auch die dürfen profitieren: man nennt sie nicht mehr „überhebliche, bornierte Rassisten“ – sondern nur noch „toleranzmäßig herausgefordert“.

  4. Mario Meis

    Richtig, Herr Mohne, besser hätte ich es nicht schreiben können!
    Irgendwann wird jeder mal diskrimiert!
    Das kann man nicht verhindern, es gibt schlimmeres!
    Oder soll ich mich auch diskrimiert fühlen, weil ich noch in einer tradionellen Ehe
    lebe ?

  5. Jef Vromans

    Das Interessante an den „Streifzügen“ ist, dass sie über die rein sprachliche Dimension der Wörter und Ausdrücke hinausgehen, dass immer ein gesellschaftlicher Aspekt da ist. Sie sind unterhaltsam, aber oft mit einem ernsthaften Unterton. Politische Korrektheit ist heutzutage ein wichtiges Thema. Es gibt Sprachwissenschaftler, die behaupten, eine korrekte Sprache (korrekt im Sinne von „bedeutungsmäßig richtig“) gäbe es überhaupt nicht, und eine politisch korrekte Sprache schon mal gar nicht. Abgesehen davon kann die sogenannte politische Korrektheit zur Verunsicherung führen: am Ende wissen die Leute nicht mehr, wie sie sprechen sollen, damit sie niemanden verletzen oder diskriminieren. In diesem Sinne ist die politische Korrektheit selber also nicht politisch korrekt. Vielleicht hatte Umberto Eco recht als er schrieb, dass sie eigentlich dazu diene, das zugrunde liegende Problem, weil es ungelöst blieb, sprachlich zu verschleiern. Also das Gegenteil von dem, was Siegfried Theissen mit seinen Beiträgen beabsichtigt: einen Zipfel des (Sprach)schleiers zu lüften.

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