Wenn bei Rock Werchter um 12 Uhr die Tore öffnen, gibt es für einige Besucher nur ein Ziel: die Mainstage. Kaum sind die Eingänge freigegeben, wird gerannt, um sich einen der begehrten Plätze direkt vor der Bühne zu sichern. Das eigentliche Wunschkonzert beginnt jedoch häufig erst am späten Abend. Wer seinen Platz einmal ergattert hat, möchte ihn um keinen Preis mehr aufgeben – auch nicht für Essen, Getränke oder den Gang zur Toilette.
Im Internet finden sich inzwischen zahlreiche Videos und Beiträge mit Tipps, wie man einen ganzen Festivaltag in der ersten Reihe durchhält. Dabei taucht immer wieder ein besonders fragwürdiger Ratschlag auf: das Tragen von Erwachsenenwindeln. Statt Windelhöschen werden dabei häufig klassische Windeln empfohlen, da sie deutlich mehr Flüssigkeit aufnehmen können. In sozialen Netzwerken hat sich dafür sogar der ironische Begriff "Partypooper" etabliert.
Dass diese Praxis nicht nur für Kopfschütteln sorgt, liegt auf der Hand. Schließlich verbringen die Fans oft viele Stunden dicht an dicht mit Tausenden anderen Menschen. Gerade an heißen Sommertagen können dadurch unangenehme Gerüche entstehen. Künstlerinnen und Künstler haben dieses Thema inzwischen ebenfalls aufgegriffen. Für Aufmerksamkeit sorgte unter anderem ein Interview der Sängerin Olivia Rodrigo beim britischen Radiosender Kiss FM UK, in dem über entsprechende Erfahrungen und den damit verbundenen Geruch gesprochen wurde.
Wie viele Festivalbesucher tatsächlich zu Windeln greifen, lässt sich nicht sagen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Klar ist jedoch: Die Diskussion zeigt, wie groß der Druck für manche Fans geworden ist, ihren Platz in der ersten Reihe um jeden Preis zu verteidigen. Dabei gehört ein Toilettengang zu einem ganz normalen Festivalbesuch. Ein paar Minuten Abwesenheit sollten nicht wichtiger sein als Rücksicht auf die Menschen, die unmittelbar daneben stehen.
Christophe Ramjoie