Felice Mazzu muss niemandem mehr etwas beweisen. Zweimal wurde er zu Belgiens Trainer des Jahres gewählt, er hat große Vereine trainiert, die Champions League erlebt und die Schattenseiten des Fußballgeschäfts kennengelernt. Mit 60 Jahren blickt er anders auf seinen Beruf. Nicht weniger ehrgeizig, aber mit anderen Prioritäten.
Im Eupener Café Columbus zeigt sich der neue Trainer der AS Eupen locker, offen und zugleich reflektiert. Er spricht über schwierige Jahre, ohne ihnen auszuweichen. Vor allem aber darüber, was ihm heute wichtig ist. "Ich denke nicht daran, meine Karriere neu anzukurbeln. Ich möchte einfach glücklich sein." Ein bemerkenswerter Satz für einen Mann, der die Schwarz-Weißen zurück in die erste belgische Liga führen soll. Doch Mazzu geht es längst nicht mehr allein um Ergebnisse und Anerkennung. Er möchte seinen Beruf mit Freude ausüben, mit Menschen arbeiten, die er schätzt, und am Ende des Tages zufrieden zu seiner Familie zurückkehren.
Nach schwierigen Stationen bei Genk, Anderlecht und Sint-Truiden suchte er bewusst eine Veränderung. Abstand von seinem bisherigen Umfeld, neue Menschen und eine andere Kultur. Dass er schließlich in Eupen landete, ist vor allem Sportdirektor Pasquale Sensibile zu verdanken. „Im Leben möchte man mit Menschen zusammenarbeiten, von denen man spürt, dass sie einen wirklich wollen und ehrlich zu einem sind.“
Die Werte eines Minenarbeiters
Wer Felice Mazzu verstehen möchte, muss nach Charleroi zurückblicken. In jene Stadt, die seiner Familie eine Zukunft bot und ihn bis heute prägt. Sein Vater arbeitete im Bergbau. Eine harte Arbeit, die Mazzu nie vergessen hat. "Mein Vater hat in der Mine gearbeitet. Mein Vater hat gelitten."
Seine Herkunft erklärt vieles von dem, was Mazzu heute als Trainer wichtig ist: Respekt, Menschlichkeit und Verständnis für unterschiedliche soziale Verhältnisse. „Man muss verstehen, dass jeder Mensch anders ist und Dinge unterschiedlich wahrnimmt.“
Auch seine berufliche Vergangenheit hat ihn geprägt. Bevor er hauptberuflich Fußballtrainer wurde, arbeitete Mazzu 26 Jahre lang als Sportlehrer. Er lernte, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen, Menschen zu motivieren und Gruppen zu führen. Erfahrungen, die ihm später auf den Trainerbänken des Landes zugutekamen.
Als Fußball noch nach Fritten und Hamburgern roch
Im Café Columbus wird deutlich, dass Mazzu nicht nur über seine eigene Laufbahn nachdenkt, sondern auch über die Entwicklung des Fußballs. Dabei erinnert er sich an seine Jugend. "Als ich 15 oder 16 Jahre alt war und zum Fußball ging, roch es nach Hamburgern, Blutwurst und Fritten. Das gehörte zur Fußballkultur."
Fußball war für ihn ein Ort der Begegnung, geprägt von der Liebe zum Verein und menschlicher Wärme. Heute sieht er vieles kritischer. Er spricht von wachsender Aggressivität, weniger Zusammengehörigkeit und einem Geschäft, in dem finanzielle Interessen zunehmend den Ton angeben.
Dass Vereine wie die AS Eupen auf internationale Investoren angewiesen sind, sieht er durchaus realistisch. Doch für Mazzu darf dabei eines nicht verloren gehen: der Mensch. "Ich werde bis zu meinem Tod nach diesen Werten leben." Selbst wenn manche ihn deshalb für zu freundlich oder naiv hielten. Könnte er am Ende seiner Laufbahn dazu beitragen, einem Fußballverein wieder mehr menschliche Werte zu vermitteln, wäre ihm das wichtiger als eine weitere erfolgreiche Karriere.
Wer daraus schließt, Mazzu sei ein Trainer, der ausschließlich auf Harmonie setzt, täuscht sich allerdings. Außerhalb des Platzes möchte er mit seinen Spielern lachen, gemeinsam essen gehen und persönliche Beziehungen aufbauen. Sobald das Training beginnt oder taktische Besprechungen anstehen, gelten andere Regeln.
"Auf dem Platz, bei der Theorie oder bei der Videoanalyse akzeptiere ich nicht die geringste Nachlässigkeit."
Felice Mazzu
Menschlichkeit und Disziplin sind für ihn keine Gegensätze. Gerade die Arbeitsmentalität der Deutschsprachigen weiß er zu schätzen. Gleichzeitig ist er überzeugt, dass Menschen leistungsfähiger sind, wenn sie Freude an ihrer Arbeit haben.
Bei der AS Eupen glaubt er ein passendes Umfeld gefunden zu haben. Trotz der Eigentümerstruktur mit Qatar Sports Investments empfindet er den Verein als familiär. Dazu gehört für ihn vor allem der Respekt gegenüber allen Mitarbeitern - vom Platzwart über den Koch bis zur Reinigungskraft. "Familiär zu sein bedeutet nicht, dass man keine Strafen verhängen oder schwierige Entscheidungen treffen darf."
Bei allen Gedanken über Menschlichkeit und Lebensfreude hat Mazzu seinen sportlichen Ehrgeiz nicht verloren. Er möchte die AS Eupen möglichst schnell zurück in die erste Division führen. Die Mannschaft sei auf einem ordentlichen Weg, müsse sich aber offensiv wie defensiv weiter verbessern. "Je mehr du arbeitest, desto größer sind deine Chancen auf Erfolg. Aber ohne Arbeit wirst du es nicht schaffen, selbst wenn du Qualität besitzt."
Wie viel Zeit ihm dafür bleibt, weiß er nicht. "Ein Trainer hat niemals Zeit", sagt Mazzu. Ob ihm QSI auch bei einem verpassten Aufstieg weiterhin vertrauen würde, liege letztlich in den Händen der Vereinsführung. Er selbst wolle jeden Tag sein Maximum geben.
Seine Verbundenheit mit Charleroi bleibt unterdessen ungebrochen. Die Stadt gab seinem Vater Arbeit, der Verein ermöglichte ihm den Einstieg in den Profifußball. Dass nun ein Eupener bei Sporting Charleroi erfolgreich arbeitet, während er selbst in Eupen an der Seitenlinie steht, freut ihn. "Ich freue mich, dass ein Eupener in Charleroi Erfolg hat. Und ich hoffe, dass ein Carolo in Eupen erfolgreich sein wird."
Das Schwarz-Weiß von Charleroi wird immer Teil seiner Geschichte bleiben. Nun trägt er dieselben Farben in Eupen. Mazzu möchte weiterhin Spiele gewinnen und Erfolge feiern. Doch er will sich dafür nicht mehr verbiegen. Der Auftrag bei der AS Eupen ist klar: die Rückkehr in die erste Division. Doch Felice Mazzu verfolgt daneben ein persönliches Ziel. Er möchte seinen Beruf mit Freude ausüben und dabei den Werten treu bleiben, die ihn geprägt haben.
Christophe Ramjoie