Gespenstische Atmosphäre beim wallonischen Derby zwischen Standard Lüttich und Sporting Charleroi: Statt lautstarker Unterstützung von den Rängen herrschte am Sonntagmittag in Sclessin ungewohnte Stille. Die Tribünen blieben leer. Nach den schweren Fanausschreitungen beim letzten Aufeinandertreffen hatte der belgische Fußballverband für die Partie ein Geisterspiel angeordnet. Eines der traditionsreichsten und emotionalsten Duelle des belgischen Fußballs ging damit unter außergewöhnlichen Bedingungen über die Bühne.
Bei Sporting Charleroi steht Mario Kohnen seit dem 8. April dieses Jahres als Cheftrainer an der Seitenlinie. Die Carolos waren mit sechs Siegen aus den ersten sieben Saisonspielen beeindruckend gestartet. Standard Lüttich hingegen hatte bislang erst drei Erfolge verbuchen können. Die Favoritenrolle lag somit bei den Gästen aus dem Hennegau.
Für Kohnen war die Begegnung zugleich ein Wiedersehen mit einem alten Weggefährten. Mit Standards Trainer Vincent Euvrard hatte er bereits beim damaligen Erstligisten Dender zusammengearbeitet, wo Kohnen als Co-Trainer unter Euvrard tätig gewesen war. Dass sich die beiden nach wie vor bestens verstehen, zeigte sich schon vor dem Anpfiff: Noch bevor Kohnen seinen Auftritt vor den Livekameras hatte, begrüßten sich die beiden Trainer mit einer herzlichen Umarmung.
Im menschenleeren Stadion von Sclessin waren Kohnens lautstarke Anweisungen an seine Mannschaft besonders gut zu hören. Der 40-Jährige lebte die Begegnung von Beginn an intensiv mit. Mal reckte er anerkennend den Daumen nach oben, mal klatschte er seinen Spielern aufmunternd zu. Immer wieder rief er lautstark aufs Spielfeld, dirigierte seine Mannschaft und versuchte, von außen Einfluss auf das Geschehen zu nehmen.
Auf dem Rasen entwickelte sich zunächst eine Partie mit wenigen Höhepunkten. Klare Torchancen blieben auf beiden Seiten Mangelware. Mit den Händen in den Hosentaschen verfolgte Kohnen in der 24. Minute, wie seine Abwehr einen gefährlichen Abschluss von Ayensa gerade noch zur Ecke klären konnte.
Fünf Minuten später wurde es für die Gäste noch brenzliger. Nach der nächsten Gelegenheit der Lütticher blies Kohnen erst einmal kräftig die Backen auf. Charlerois Torhüter Koné hatte gegen Touzghar aus gerade einmal zwei Metern glänzend reagiert und damit einen Rückstand verhindert.
Charleroi hatte zwar viel Ballbesitz, fand gegen die Defensive der Gastgeber aber zunächst kaum ein Durchkommen. Die spielerische Überlegenheit schlug sich nicht in zwingenden Torchancen nieder.
Für deutlich mehr Zustimmung beim Trainer sorgte schließlich ein Abschluss von Freddy Mbemba. Der Charleroi-Spieler prüfte Lüttichs Schlussmann Epolo, der einiges aufbieten musste, um einen Gegentreffer zu verhindern. Kohnen reagierte sofort: Mit weit ausgebreiteten Armen rief er Mbemba ein lautes "Siehst du!" zu – eine Mischung aus Anerkennung und Bestätigung für die zuvor eingeforderte Aktion.
Nach lediglich zwei Sekunden Nachspielzeit war der erste Durchgang beendet. Tore waren bis dahin keine gefallen. So ging es nach 45 Minuten mit einem 0:0 in die Kabinen.
Beide Mannschaften kehrten personell unverändert auf den Rasen zurück. Auch an der Seitenlinie gab es eine kleine Veränderung: Kohnen entledigte sich schnell seiner schwarzen Jacke, die ihn im ersten Durchgang noch vor dem heftigen Regen geschützt hatte. Mittlerweile hatten sich die dunklen Wolken über Lüttich verzogen.
Sportlich nahm die Begegnung nun ebenfalls etwas mehr Fahrt auf. Während eines spektakulären Fallrückziehers von Romsaas war Kohnen gerade in ein Gespräch mit dem vierten Offiziellen vertieft.
Nur zwei Minuten später gab es für den Charleroi-Coach dann allen Grund zum Jubeln. Nach einem Freistoß von der linken Strafraumseite stieg Check Keita im Fünfmeterraum am höchsten und köpfte den Ball zur Führung für die Gäste ins Netz. Kohnen riss beide Arme hoch, ballte die Fäuste und feierte den Treffer. Die Carolos lagen im Geisterderby vorne. Charleroi drängte auf den nächsten Treffer. Bei Ousus Abschluss gehen Kohnens Hände an den Hinterkopf. Eine Minute später fast schon ungläubig vor das Gesicht, als Scheidlers Abschluss nur an den Pfosten knallt.
Es blieb am Ende beim 1:0 - der siebte Sieg im achten Spiel für den RSC Charleroi. Damit legt Mario Kohnen mit Charleroi den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte hin.
Radio-Interview mit Mario Kohnen im Player:
Christophe Ramjoie