Wer an die Aspire-Zeit bei der AS Eupen zurückdenkt, denkt nicht unbedingt an Tabellenplätze oder Statistiken - sondern an den Kehrweg, an die Fans auf den Rängen, an die Gespräche vor und nach dem Spiel, an die Freude nach einem Sieg und auch an die Enttäuschungen nach einer Niederlage. Es war eine Zeit, in der bei der AS Dinge passiert sind, die man sich vorher wohl kaum hätte vorstellen können.
Um diese Zeit zu verstehen, muss man aber auch kurz noch weiter zurückblicken. Es gab schöne Zeiten, aber genauso schwierige Jahre. Mit Antonio Imborgia kam 2008 das Profitum nach Eupen, später übernahm Ingo Klein Verantwortung. Der Verein versuchte, sich weiterzuentwickeln und sportlich den nächsten Schritt zu machen, doch finanziell wurde die Situation zunehmend schwierig. Als Aspire 2012 übernahm, stand die Zukunft der AS tatsächlich auf der Kippe. Rückblickend wurde die Übernahme deshalb von Verantwortlichen auch als eine Art Rettung des Vereins beschrieben.
Und dann begann etwas völlig Neues: Plötzlich kamen junge Spieler aus aller Welt nach Eupen. Viele Namen sagten einem zunächst überhaupt nichts. Man sah neue Gesichter im Trikot und fragte sich, was wohl aus ihnen werden würde. Manche blieben nur kurze Zeit, andere wurden Teil der Vereinsgeschichte. Eupen wurde zu einem Ausbildungsverein, und irgendwann war es ganz normal, dass am Kehrweg Spieler aufliefen, die ihre ersten Schritte im europäischen Profifußball machten.
Gleichzeitig war da aber noch etwas, das die Verbindung zwischen dem alten Eupen und dieser neuen Zeit ausmachte: Spieler, die nicht nur sportlich wichtig waren, sondern dem Verein ein Gesicht gaben. Luis Garcia war dabei wahrscheinlich eine der prägendsten Figuren dieser Aspire-Jahre. Ein spanischer Profi mit großer Erfahrung, der trotzdem nie so wirkte, als wäre Eupen nur eine Zwischenstation für ihn. Er übernahm Verantwortung, wurde Kapitän und prägte die Mannschaft mit seiner Persönlichkeit und seiner spielerischen Klasse. Auch im Verein selbst wird Garcia rückblickend als einer der prägendsten Spieler dieser Zeit bezeichnet.
Mit solchen Spielern kam dann auch der sportliche Aufbruch. 2016 schaffte Eupen den Aufstieg in die erste Liga. Für viele war das ein riesiger Moment. Plötzlich kamen Anderlecht, Club Brügge oder Standard Lüttich nach Eupen. Mannschaften, die man früher vielleicht vor allem aus dem Fernsehen kannte, standen jetzt tatsächlich am Kehrweg. Der Platz war immer noch derselbe, die Umgebung war immer noch Eupen - und trotzdem fühlte sich plötzlich vieles größer an.
Und gerade weil Eupen so klein ist, waren es oft die außergewöhnlichen Momente, die besonders hängen blieben. Einer davon war sicherlich Adriano. Ein Spieler, der mit dem FC Barcelona die Champions League gewonnen hatte und auf den größten Bühnen Europas gespielt hatte, stand plötzlich im Trikot der AS Eupen auf dem Platz.
Auch auf der Trainerbank nahmen Namen Platz, die man eher mit großen europäischen Vereinen verband. Claude Makélélé war nicht mehr nur der Name aus dem Fernsehen, sondern stand tatsächlich an der Seitenlinie. Später kamen unter anderem Bernd Storck und Florian Kohfeldt. Jeder brachte seine eigene Geschichte mit.
Vielleicht war genau diese Mischung das Besondere. Einerseits wurde die AS immer professioneller und internationaler, andererseits blieb sie für viele dieser kleine Verein aus Eupen. Meistens ging es um den Klassenerhalt. Und gerade deshalb fühlten sich die großen Momente so intensiv an.
Einer dieser Momente kam 2018 gegen Mouscron. Eupen brauchte unbedingt ein Ergebnis und lange sah es überhaupt nicht danach aus, als würde es reichen. Bis zur 73. Minute stand es noch 0:0, während Mechelen parallel gewann. Dann kam die unglaubliche Schlussphase: Yuta Toyokawa traf dreimal, Luis Garcia steuerte ebenfalls einen Treffer bei und aus einer scheinbar aussichtslosen Situation wurde ein 4:0. Der Kehrweg stand Kopf. Dieses Spiel ging völlig zu Recht als "Wunder vom Kehrweg" in die Vereinsgeschichte ein.
Ein paar Jahre später durfte man dann noch einmal erleben, wie sich Eupen selbst überraschen konnte. Unter Stefan Krämer erwischte die Mannschaft in der Saison 2021/22 einen unglaublichen Start. Erst freute man sich einfach über die Siege. Dann schaute man irgendwann neugierig auf die Tabelle - und plötzlich stand da tatsächlich: AS Eupen auf Platz eins. Tabellenführer der 1. Division! Die AS Eupen ganz oben. Für einen Moment konnte man einfach genießen, was da passierte, ohne darüber nachzudenken, wie lange es wohl dauern würde.
Natürlich war die Aspire-Zeit nicht nur schön. Es gab schlechte Spiele, Enttäuschungen, Trainerwechsel und immer wieder diese Phasen, in denen man um den Klassenerhalt zittern musste. Aber vielleicht gehört genau das zu Eupen dazu.
Acht Jahre lang blieb die AS Eupen in der ersten Liga. Irgendwann hatte man sich fast daran gewöhnt, dass am Wochenende Erstligafußball am Kehrweg gespielt wurde. Heute, mit etwas Abstand, merkt man erst, wie besonders das eigentlich war. 2024 kam schließlich der Abstieg.
Und nun ist auch das Aspire-Kapitel am Kehrweg offiziell zu Ende. Unter QSI weht der Wind zwar weiterhin aus Katar, aber er weht anders. Eine neue Zeit hat begonnen, mit neuen Ideen, neuen Verantwortlichen und neuen Hoffnungen. Was daraus entsteht, wird die Zukunft zeigen.
Christophe Ramjoie