Die Karte in der Hand, den Wald vor Augen und die nächste Kontrolle im Blick: Für Karl Schwall ist Orientierungslauf auch nach mehr als fünf Jahrzehnten noch immer eine Herausforderung. Am vergangenen Wochenende hat der 70-Jährige eine ganz besondere Marke erreicht. Bei der belgischen Meisterschaft über die Mitteldistanz in Marche-en-Famenne sicherte sich Schwall in der Kategorie H70 seinen 30. belgischen Meistertitel. 3.070 Meter war die Strecke lang, dazu kamen 85 Höhenmeter und 13 Kontrollposten. Schwall benötigte 25 Minuten und 47 Sekunden und setzte sich mit einem Vorsprung von 2:14 Minuten durch.
"Ich hatte bis dahin 29 Titel und der 30. Titel war mein Wunsch", erzählt der erfahrene Orientierungsläufer. In den vergangenen Monaten hatte er noch einmal gezielt trainiert, um für den nächsten Versuch fit zu sein. Denn die runde Zahl hatte es ihm angetan. Fünf Jahre dauerte es, bis der 30. Titel schließlich Realität wurde.
Dabei ist Schwall alles andere als ein Spätstarter. Seine Geschichte im Orientierungslauf reicht bis in die Jugend zurück. 1974 schloss er sich dem OLV Eifel an, der zwei Jahre zuvor gegründet worden war. Seit 52 Jahren ist er Mitglied des Vereins. Seinen ersten belgischen Meistertitel im Einzellauf gewann er 1976.
"Der erste war der schönste", sagt Schwall rückblickend. Damals startete er noch bei den Junioren. Mit dem Titel hatte kaum jemand gerechnet. "Ich durfte noch bei den Junioren laufen und bin dann sofort in die Liste gegangen." Aus dem Überraschungserfolg entwickelte sich eine außergewöhnliche Karriere. Was Schwall am Orientierungslauf bis heute fasziniert, ist die Kombination aus Sport und Denkarbeit. "Es ist ein schöner Sport. Man ist im Wald, in der frischen Luft, und das macht immer Spaß."
Doch wer erfolgreich sein will, muss mehr können, als nur schnell zu laufen. Die Strecke ist nicht ausgeschildert. Die Läufer müssen sich anhand der Karte selbst orientieren und ihre Route zu den Kontrollposten wählen. "Man muss sich konzentrieren und die Wege selber suchen", erklärt Schwall. Genau darin liegt für ihn der besondere Reiz. Der Kopf läuft gewissermaßen mit.
Und auch das Tempo lässt sich individuell bestimmen. "Schnell laufen, kurz langsam laufen - je nach seinem Bedürfnis." Das macht den Orientierungslauf für Schwall zu einem Sport, der sich über viele Jahre betreiben lässt.
Ganz selbstverständlich war der Weg zum 30. Titel allerdings nicht. Schwall hatte zwischenzeitlich eine längere Pause vom Orientierungslauf eingelegt. Doch irgendwann war der Ehrgeiz wieder da. Die Marke von 30 Meistertiteln wollte er noch erreichen. "Fünf Jahre hat es gedauert, bis es dann geklappt hat", sagt er. Nun steht die 30 in der Statistik. Für Schwall ist es ein weiterer Höhepunkt einer langen Laufbahn - aber offenbar kein Grund, die Karte aus der Hand zu legen.
Besonders wichtig ist ihm, dass auch die nächste Generation den Weg in den Orientierungslauf findet. Nachwuchs müsse schließlich dafür sorgen, dass der Sport weitergeht. Bei den belgischen Meisterschaften zeigte sich zudem, dass der Orientierungslauf auch im höheren Alter keineswegs eine Einzeldisziplin ist: In der Kategorie H70 gingen 20 Teilnehmer an den Start.
Schwall selbst hat längst bewiesen, dass Orientierungslauf kein Sport mit einem festgelegten Ablaufdatum ist. 52 Jahre Vereinsmitgliedschaft, 30 belgische Meistertitel und mit 70 Jahren noch immer die Motivation, für den nächsten Titel zu trainieren.
Radio-Interview mit Karl Schwall im Player:
Christophe Ramjoie