"Ich habe da jetzt viereinhalb Monate drauf hingearbeitet, dass ich endlich wieder eine Nummer ans Trikot heften kann", erzählt Rex. Mit voller Motivation ging er in sein Comeback-Rennen, wusste aber, dass ihn ein schwieriger Tag erwarten würde. Das Rennen wurde mit rund 48 km/h im Schnitt gefahren - ein enormes Tempo für einen Fahrer, der monatelang kein Rennen bestreiten konnte. "Wenn man so lange kein Rennen gefahren ist und null trainiert hat, dann ist das schon übel", sagt Rex.
Trotz der hohen Belastung war das Rennen für ihn vor allem ein wichtiger Test. Er wollte herausfinden, wie sein Körper und insbesondere das verletzte Knie auf die Belastung reagieren. "Es ist ein sehr wichtiges Training, ein sehr gutes Training und auch ein sehr guter Test gewesen", erklärt Rex. Das wichtigste Ergebnis fiel dabei positiv aus: Das Knie hielt. "Das ist eine Bestätigung dafür, dass das Knie hält und dass das Knie gut ist und dass jetzt die nächsten Schritte kommen können."
Vollständig abgeschlossen ist die Rehabilitation allerdings noch nicht. Zwischen dem verletzten und dem gesunden Bein besteht weiterhin ein deutlicher Unterschied bei der Muskulatur. Deshalb muss Rex nach wie vor viel Kraft- und Stabilitätstraining absolvieren. Schmerzen bereitet ihm das Knie inzwischen jedoch nicht mehr. Besonders wichtig ist für ihn, dass es auch nach schweren Trainingseinheiten oder Rennen keine negativen Reaktionen zeigt. Dadurch kann er sein Trainingsvolumen Schritt für Schritt wieder erhöhen.
Auch der Ort seines schweren Sturzes bei Gent-Wevelgem am 29. März ist für Rex inzwischen kein Tabuthema mehr. Wenige Tage vor seinem Comeback war er wieder dort. Den Baum, an dem er gestürzt war, hatte er in den vergangenen Monaten bereits mehrmals gesehen. Trotzdem war er überrascht, als er den Graben erneut betrachtete, in dem er nach dem Sturz gelegen hatte. "Ich war schon erschrocken darüber, wie tief der Graben wirklich war", erzählt er. Negative Gedanken möchte er damit aber nicht verbinden: "Ich versuch's positiv zu sehen. Er ist jetzt Geschichte und ich bin jetzt wieder auf dem richtigen Weg."
Sein Ziel für die kommenden Monate ist klar: Rex möchte wieder sein früheres Leistungsniveau erreichen. "Ich würde auf jeden Fall sehr gerne mein altes Niveau wieder erreichen", sagt er. Dafür braucht es allerdings noch viel Arbeit. Rennkilometer, Schnelligkeit, Beschleunigung und Widerstandsfähigkeit müssen Schritt für Schritt zurückkommen. "Das sind so kleine Sachen oder Prozente, die wirklich viel ausmachen."
Geduld ist dabei zu einem entscheidenden Faktor geworden. Rex hat gelernt, dass eine Genesung nicht beschleunigt werden kann und jeder Schritt seine Zeit braucht. "Die Heilung, die normalerweise sechs Wochen dauert, kann nicht auf einmal in drei Wochen komplett geheilt sein." Gleichzeitig hat ihn die Verletzung gelehrt, seine Gesundheit und seine Karriere noch stärker zu schätzen.
Während seiner Rehabilitationszeit kam Rex mit Menschen in Kontakt, deren Verletzungen deutlich schwerwiegender und teilweise nicht reparabel waren. Dadurch habe er eine andere Perspektive auf seine eigene Situation bekommen. "Dann lernt man es doch noch mal wertzuschätzen, was es heißt, gesund zu sein, was es heißt, beide Beine zu haben und wie schnell auch alles vorbei sein kann."
Die vergangenen Monate haben Rex deshalb nicht nur sportlich, sondern auch persönlich geprägt. Bereits zuvor hatte er in diesem Jahr einen schweren Sturz erlebt, der seine Karriere hätte beenden können. Der Unfall bei Gent-Wevelgem war ein weiterer Moment, der ihm gezeigt hat, wie schnell sich alles verändern kann. "Ich würde schon sagen, dass ich als Mensch gelernt habe, dass man die Dinge viel mehr in den Vollen nehmen sollte und dass man das, was man tut oder das, was man gerne tut, auch in schlechten oder schwierigen Momenten wertschätzen sollte, weil es genauso gut im nächsten Augenblick vorbei sein kann."
Besonders eindrücklich war für ihn die Zeit, in der er selbst kaum laufen konnte und gleichzeitig seine großen Rennen im Fernsehen verfolgen musste. Sein verletztes Bein hatte massiv an Muskulatur verloren. Währenddessen lief unter anderem Paris-Roubaix im Fernsehen. "Das sind Momente, an denen du doch schon mal drüber nachdenkst oder dann da doch realisierst, wie gern du das eigentlich tust und wie gern du jetzt auf dem Rad wärst."
Während der Genesung zog sich Rex deshalb bewusst aus der Öffentlichkeit zurück. Er wollte nicht bemitleidet werden und aus seiner Verletzung keinen großen öffentlichen Hype entstehen lassen. "Ich wollte vor allem selber realisieren, was das jetzt bedeutet." Statt Interviews zu geben oder regelmäßig Updates zu veröffentlichen, konzentrierte er sich auf seine Rehabilitation und verarbeitete die schwierige Zeit im engsten Kreis. "Mir war einfach wichtig, dass mir die Privatsphäre gegönnt wird und ich in Ruhe gelassen werde."
Ausführliches Radio-Interview mit Laurenz Rex im Player:
Christophe Ramjoie