Die neuen Empfehlungen von European Athletics und der European Broadcasting Union (EBU) zur Bildsprache in der Leichtathletik sorgen derzeit für Diskussionen. Ziel der Richtlinien ist es, Athletinnen respektvoller in Szene zu setzen und unnötig sexualisierende Kameraeinstellungen zu vermeiden.
Für Lina Simons aus Wirtzfeld, die als Betreuerin zahlreiche internationale Spitzenathletinnen und -athleten auf der Leichtathletik-Weltbühne begleitet, ist dieser Schritt längst überfällig. Aus ihrem beruflichen Umfeld habe sie überwiegend positive Rückmeldungen erhalten.
"Ich habe hauptsächlich aus der Leichtathletikwelt positives Feedback bekommen. Die Mädchen und Frauen fühlen sich einfach wohler mit der Idee, dass künftig mehr darauf geachtet wird, wie sie gefilmt werden", sagt Simons. Schließlich gehe es für die Athletinnen darum, Höchstleistungen zu erbringen - nicht darum, durch bestimmte Kameraperspektiven unnötig in den Fokus zu geraten. Gerade in Disziplinen wie Hoch- oder Weitsprung kämen Sportlerinnen zwangsläufig in Körperhaltungen, "die nicht unbedingt angenehm sind", erklärt sie.
Problematik verschärft
Während die Resonanz unter den Betroffenen positiv sei, nehme sie in den sozialen Medien durchaus Skepsis wahr. Dort werde häufig gefragt, warum solche Empfehlungen überhaupt notwendig seien. "Aber gerade von den Athletinnen selbst und von den Menschen, die in der Leichtathletik arbeiten, ist das sehr positiv aufgenommen worden", betont Simons.
Nach ihrer Einschätzung hat sich die Problematik in den vergangenen Jahren sogar verschärft. Neben den klassischen Fernsehübertragungen spielten heute soziale Medien eine große Rolle. "Es gibt viel mehr Fotografen und Videografen, die Material veröffentlichen. Und es gibt immer wieder Zuschauer, die auf der Tribüne sitzen und gezielt Frauen oder bestimmte Körperpositionen filmen. Das empfinden viele Athletinnen als unangenehm", berichtet sie. Umso wichtiger sei es gewesen, dass die Verbände nun reagierten.
Sensibilisierung
Auch wenn es sich bislang lediglich um Empfehlungen und nicht um verbindliche Regeln handelt, sieht Simons darin einen wichtigen ersten Schritt. "Ich glaube, das Wichtigste ist zunächst einmal das Bewusstsein. Vielen Menschen war gar nicht klar, dass das überhaupt ein Problem ist." Bereits wenige Wochen nach Veröffentlichung der Richtlinien nehme sie wahr, dass Verantwortliche sensibler mit dem Thema umgehen. "Mir fällt inzwischen viel öfter auf, wenn auf Social Media ein Kamerawinkel oder ein Foto unangebracht ist. Dann fragt man sich automatisch: Warum musste genau dieses Bild veröffentlicht werden?"
Langfristig hofft sie darauf, dass respektvolle Bildsprache zur Selbstverständlichkeit wird. "Vielleicht wird das irgendwann ein Automatismus. Dann braucht es gar keine strengen Vorschriften mehr, weil alle automatisch darauf achten."
Für die Athletinnen könne das auch sportlich einen Unterschied machen. Wer sich keine Gedanken mehr über unangenehme Aufnahmen machen müsse, könne sich besser auf den Wettkampf konzentrieren. "Als Athletin ist man sich seines Körpers ohnehin sehr bewusst. Man denkt vor dem Start oft daran, wie die Kleidung sitzt oder wer am Rand fotografiert. Wenn diese Sorgen wegfallen, kann man sich viel stärker auf die eigentliche Leistung konzentrieren." Genau darum gehe es schließlich: "Diese Ablenkung hilft der sportlichen Leistung nicht".
Radio-Interview mit Lina Simons im Player:
Christophe Ramjoie