Plötzlich ist bei den Roten Teufeln Rechnen angesagt. Das Unentschieden gegen Iran und der Sieg Ägyptens gegen Neuseeland haben die Karten in Gruppe G komplett neu gemischt. Mit einem mageren zwei aus sechs ist für Belgien vor dem letzten Spieltag plötzlich wieder alles möglich: vom Gruppensieg über Platz zwei bis hin zum bitteren Aus in der Vorrunde. Die Ausgangslage ist damit deutlich komplizierter geworden, als man es vor dem Turnier erwartet hätte - auch, weil im Fall einer Punktgleichheit mehrere Tiebreaker den Ausschlag geben könnten.
Zunächst zählt wie gewohnt die Punktzahl. Haben zwei Teams gleich viele Zähler auf dem Konto, wird als nächstes der direkte Vergleich herangezogen, also das Resultat aus dem Duell der punktgleichen Mannschaften. Genau hier liegt für Belgien ein entscheidender Punkt: Weil die Roten Teufel sowohl gegen Ägypten als auch gegen Iran unentschieden gespielt haben, bringt dieser direkte Vergleich in beiden Fällen keine Trennung.
Sollte Belgien also mit einem dieser Teams punktgleich ins Ziel kommen, rücken automatisch die nächsten Kriterien in den Vordergrund. Dann entscheidet zuerst das Torverhältnis, also die Differenz zwischen erzielten und kassierten Treffern. Ist auch diese identisch, folgt die Anzahl der geschossenen Tore. Erst danach kämen mit der Fair-Play-Wertung - also weniger Gelbe und Rote Karten - und dem FIFA-Ranking noch weitere, eher unwahrscheinliche Entscheidungskriterien ins Spiel. Für Belgien bedeutet das: Nicht nur die Anzahl der Punkte, sondern vor allem jedes einzelne Tor kann am Ende Gold wert sein.
Die Tabelle in Gruppe G zeigt, wie eng die Lage tatsächlich ist. Ägypten führt mit vier Punkten aus zwei Spielen und einem Torverhältnis von 4:2. Dahinter folgen Iran und Belgien mit jeweils zwei Punkten, wobei Iran dank der mehr erzielten Treffer derzeit vor den Belgiern liegt. Neuseeland ist mit einem Punkt Schlusslicht, aber ebenfalls noch nicht ausgeschieden. Genau das macht den letzten Spieltag so brisant - und erklärt, warum in Belgien plötzlich wieder der Taschenrechner hervorgeholt werden muss.
Klar ist: Gruppensieger kann Belgien nur noch werden, wenn es selbst gegen Neuseeland gewinnt. Nur dann bleibt der Sprung auf Rang eins überhaupt möglich. Dafür braucht es entweder ein Remis zwischen Iran und Ägypten, sodass Belgien und Ägypten am Ende beide auf 5 Punkte kommen und das Torverhältnis - oder notfalls die Zahl der erzielten Tore - über Platz eins entscheidet. Oder Iran schlägt Ägypten, wodurch Belgien und Iran punktgleich wären und erneut die Tiebreaker über den Gruppensieg befinden würden. Ohne einen eigenen Sieg ist der Traum von Platz eins dagegen endgültig geplatzt.
Auch Rang zwei ist für die Roten Teufel weiterhin absolut realistisch. Gewinnt Belgien gegen Neuseeland, kann es trotzdem hinter Ägypten oder Iran landen, falls einer der Konkurrenten am Ende die besseren Tiebreaker aufweist. Aber selbst bei einem Remis gegen Neuseeland lebt die Hoffnung auf das direkte Sechszehntelfinal-Ticket weiter. Dann müsste Ägypten gegen Iran gewinnen oder die Partie zwischen Ägypten und Iran unentschieden enden - in diesem Fall allerdings nur, wenn Belgien im Vergleich mit Iran beim Torverhältnis oder bei den erzielten Treffern besser dasteht. Auch ohne Sieg ist das Weiterkommen also noch möglich, allerdings nur mit Schützenhilfe und einem Blick auf die Details der Tabelle.
Genauso real ist aber auch das Szenario eines frühen K.o. Belgien wäre sicher ausgeschieden, wenn es in der Gruppe nur Vierter wird. Das kann passieren, wenn die Roten Teufel gegen Neuseeland verlieren und Iran ebenfalls verliert, dabei aber in den Tiebreakern vor Belgien bleibt. Noch gefährlicher wird es, wenn Belgien verliert und Iran gleichzeitig punktet - dann droht Belgien sogar das Abrutschen ans Tabellenende. Und selbst Rang drei wäre noch längst keine Garantie aufs Sechszehntelfinale.
Denn als Gruppendritter müsste Belgien auf einen Platz unter den acht besten Dritten hoffen. Genau dort wird es besonders unübersichtlich. Sollte Belgien verlieren und Iran ebenfalls verlieren, allerdings mit der schlechteren Tordifferenz, könnten die Belgier mit nur 2 Punkten auf Rang drei landen - und damit ernsthaft Gefahr laufen, zu den schwächsten Gruppendritten des Turniers zu gehören. Sogar ein Unentschieden könnte am Ende nicht reichen: Wenn Belgien remis spielt, Iran ebenfalls unentschieden spielt und Belgien dadurch auf Platz drei rutscht, wären auch 3 Punkte keine Garantie fürs Weiterkommen. In dieser Sonderwertung zählen erneut zuerst die Punkte, dann Torverhältnis und erzielte Tore - auch dort kann also jedes Tor den Unterschied machen.
Der Blick auf die Wertung der besten Gruppendritten liefert immerhin noch etwas Hoffnung. Dort werden alle Drittplatzierten der einzelnen Gruppen in einer gemeinsamen Tabelle geführt, von denen die acht besten ebenfalls in die K.o.-Phase einziehen. Zurzeit steht Belgien in diesem Ranking auf Rang vier - das würde aktuell reichen. Doch auf diese Rechnung wollen sich die Roten Teufel besser nicht verlassen. Zu viele Konstellationen, zu viele Abhängigkeiten, zu viele Risiken.
Die einfachste, sauberste und sportlich überzeugendste Lösung liegt daher auf der Hand: Belgien muss am letzten Spieltag gegen Neuseeland liefern. Ein Sieg würde die Tür zum Sechzehntelfinale weit offenhalten und zumindest die Chance auf den Gruppensieg bewahren. Alles andere könnte für die Roten Teufel zu einem nervenaufreibenden Taschenrechner-Abend werden.
Christophe Ramjoie