Heute ist San Diego die Heimat von Philipp Schumacher - und genau dort erlebt er hautnah, wie die Vorfreude auf die WM wächst. Von einem WM-Fieber wie in Europa könne man zwar noch nicht sprechen, erklärt Schumacher, dennoch sei eine steigende Begeisterung deutlich spürbar. "In den letzten Jahren wächst der Fußball hier in den USA enorm. Die MLS wird immer größer und durch die vielen Menschen aus Lateinamerika hat Fußball ohnehin einen hohen Stellenwert. Aber besonders interessant ist, dass sich alle vier Jahre, wenn die Weltmeisterschaft ansteht, plötzlich viel mehr Menschen für Fußball interessieren. Dann wollen viele ihr Heimatland unterstützen und verfolgen das Turnier intensiv."
Daumen drücken für die Teufel, Mexiko und die USA
Im Hause Schumacher herrscht dabei eine besondere Konstellation. Seine Frau stammt aus Mexiko, die Familie unterstützt daher gleich drei Nationen: Belgien, Mexiko und die USA. Auf die Frage, für welches Land sein Herz schlägt, muss der ehemalige Ostbelgier nicht lange überlegen: "Fußballerisch ist das ganz klar Belgien. Ich ziehe bei den Spielen auch mein Belgien-Trikot an. Ich bin zwar inzwischen amerikanischer Staatsbürger, aber mein Fußballherz schlägt nach wie vor für Belgien."
Bei seinen Kindern sei die Sache etwas komplizierter. "Ich würde sagen: 55 Prozent Belgien, 44,5 Prozent Mexiko und ein halbes Prozent USA", sagt er mit einem Schmunzeln. "Aber natürlich feuern wir alle drei Mannschaften an."
Besonders freut sich Schumacher darauf, zwei Vorrundenspiele der Roten Teufel live im Stadion verfolgen zu können. Gleichzeitig blickt er dem Duell gegen den Iran mit einer gewissen Anspannung entgegen. "Zunächst war gar nicht klar, ob die iranische Mannschaft überhaupt in die USA kommen würde. Inzwischen sieht es so aus, als würde das Spiel stattfinden. Aber natürlich stellt man sich auch Fragen zur Sicherheit."
Hinzu kommt eine Besonderheit der Region: "Viele Belgier wissen vielleicht nicht, dass sich im Raum Los Angeles die größte iranische Community außerhalb des Irans befindet. Deshalb werden sicherlich viele iranisch-amerikanische Fans im Stadion sein. Das wird eine ganz besondere Atmosphäre."
Gute Chancen für Belgien
Welche der drei von seiner Familie unterstützten Nationalmannschaften die größten Chancen auf einen erfolgreichen Turnierverlauf hat, bewertet Schumacher differenziert. Mexiko verfüge über viel Tradition, stoße jedoch häufig im Achtelfinale an seine Grenzen. "Das ist fast schon ein Trauma für die Mexikaner. Sie wären wahrscheinlich schon glücklich, wenn sie diesmal darüber hinauskommen."
Für Belgien sieht er durchaus Potenzial. "Von der goldenen Generation sind nicht mehr viele Spieler dabei. Vielleicht ist genau das ein Vorteil. Der Druck auf die Mannschaft ist geringer geworden und ich könnte mir vorstellen, dass Belgien weiter kommt, als viele erwarten."
Weniger überzeugt zeigt er sich dagegen von den Gastgebern aus den USA. "Ich habe die Mannschaft zuletzt gegen Belgien gesehen. Trotz neuer Trainer haben mich die USA bislang nicht überzeugt. Von den drei Teams traue ich ihnen am wenigsten zu."
Fußballfieber wächst
Je näher der Turnierstart rückt, desto sichtbarer werde die Weltmeisterschaft im amerikanischen Alltag. "Ich reise beruflich viel. Vor allem an Flughäfen und in Städten, in denen WM-Spiele stattfinden, dreht sich inzwischen ein Großteil der Werbung um das Turnier. Man sieht immer mehr Menschen mit Trikots unterwegs. Das Fieber wächst definitiv."
Dabei sei die Begeisterung in den USA eng mit der kulturellen Vielfalt des Landes verbunden. "Die USA sind ein Einwanderungsland. Die eine Hälfte des WM-Fiebers ist amerikanisch, die andere Hälfte kommt von Menschen, die ihre Wurzeln in Ländern wie Mexiko, Kolumbien, Japan oder Korea haben. Viele unterstützen weiterhin die Nationen ihrer Herkunft - so wie ich Belgien."
Auch die Diskussionen in Europa über mögliche Veränderungen des Fußballs durch die WM in Nordamerika verfolgt Schumacher aufmerksam. Werbepausen oder zusätzliche Unterbrechungen seien für amerikanische Zuschauer nichts Ungewöhnliches. "Die Menschen hier sind das aus anderen Sportarten gewohnt. Bei den Spielen Belgien-USA und Belgien-Mexiko gab es beispielsweise Hitzepausen, obwohl es gar nicht extrem heiß war. Jeder wusste, dass damit auch Werbezeiten verbunden sind. Das wird hier völlig normal wahrgenommen. Die spannendere Frage ist, wie europäische Zuschauer darauf reagieren werden."
Dem belgischen Fußball weiter verbunden
Trotz seines Lebens in den USA bleibt Schumacher dem belgischen Fußball eng verbunden. Besonders sein Lieblingsverein Standard Lüttich liegt ihm weiterhin am Herzen. "Ich verfolge Standard nach wie vor intensiv. Es ist schade zu sehen, was zuletzt wieder passiert ist." Gleichzeitig hebt er die Unterschiede zwischen der belgischen und der amerikanischen Fankultur hervor. "In den USA sind Sportveranstaltungen sehr familienfreundlich. Man kann problemlos mit gegnerischen Trikots in derselben Tribüne sitzen. Gewalt ist praktisch kein Thema."
Seine neue fußballerische Heimat hat Schumacher inzwischen ebenfalls gefunden. Als Dauerkartenbesitzer begleitet er die Spiele des MLS-Klubs San Diego FC. Dort verfolgt er mit besonderem Interesse auch die Leistungen eines bekannten Belgiers. "Als Standard-Fan musste ich lernen, einen ehemaligen Anderlecht-Spieler anzufeuern", lacht er. "Anders Dreyer hat hier eine fantastische Saison gespielt. Hinter Lionel Messi hat er die meisten Tore und Vorlagen gesammelt. Er war einer der entscheidenden Spieler für unseren Erfolg."
Für Philipp Schumacher steht fest: Die Weltmeisterschaft wird in Nordamerika eine besondere Dynamik entfalten. Vielleicht anders als in Europa, aber nicht weniger leidenschaftlich. "Die WM kommt immer näher - und das Fieber wächst von Tag zu Tag."
Radio-Interview mit Philipp Schumacher im Player:
Christophe Ramjoie