Vielleicht zum letzten Mal treffen am Sonntagabend der FC Eupen und die AS Eupen in einem Pflichtspiel aufeinander - ein Derby, das von Emotionen lebt und von zwei völlig unterschiedlichen Ausgangslagen geprägt ist. Während die zweite Mannschaft der AS Eupen souverän an der Tabellenspitze steht und den Aufstieg fest im Blick hat, kämpft der FC Eupen ums sportliche Überleben. Und doch ist dieses Duell für beide Seiten mehr als nur eine Partie.
"Im Endeffekt geht es nicht um drei Punkte", betont FC-Trainer Andy Malmendier. "Das ist für uns noch mal eine separate Meisterschaft. Es ist ein Highlight und dementsprechend freuen wir uns alle darauf." Gleichzeitig verschweigt er nicht die schwierige Lage: "Die Jungs sind schon ziemlich angeschlagen. Die letzten Wochen waren intensiv. Jetzt versuchen wir einfach, das Beste rauszuholen".
Auf der anderen Seite bleibt AS-Trainer Nicolas Collubry bewusst sachlich. "Für uns ist das keine Meisterschaft. Natürlich ist es ein besonderes Spiel - vor allem für die Leute aus der Region. Aber für die Spieler ist es ein ganz normales Spiel, in dem es um drei Punkte geht." Denn der Fokus liegt klar auf dem großen Ziel: "Wir wollen das so schnell wie möglich regeln. Dafür müssen wir noch drei Siege holen - und hoffentlich fangen wir damit morgen an".
Dass der FC Eupen überhaupt in diese Situation geraten ist, überrascht viele. Noch im Hinspiel präsentierte sich die Mannschaft auf großer Bühne konkurrenzfähig, die Analyse lautete damals, dass dieser FC nicht absteigen würde. Heute ist die Realität eine andere. "Am Ende lügt die Tabelle nicht mehr", sagt Malmendier offen. "Wer so viele Fehler macht und sich die Gegentore quasi selbst reinlegt, der steht irgendwann da, wo wir jetzt stehen." Aufgeben kommt dennoch nicht infrage: "Wir werden bis zum letzten Spieltag alles reinwerfen und unseren Verein bestmöglich präsentieren".
Neben der sportlichen Brisanz schwingt vor allem Wehmut mit. Beide Trainer wissen, dass dieses Derby vorerst das letzte seiner Art sein könnte. Für Malmendier ist die Bedeutung auch persönlich spürbar. "Das ist extrem besonders - vor allem, wenn man als FC-Junge groß geworden ist. Ich hoffe, dass die Leute das wertschätzen, denn das wird es so in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht mehr geben." Auch Collubry blickt emotional auf das Duell zurück. "Das Hinspiel war eines meiner Highlights. Die Kulisse, die Atmosphäre - ich bekomme heute noch Gänsehaut, wenn ich daran denke." Ob es in Zukunft ein Wiedersehen gibt, lässt er offen. "Das hängt davon ab, wie sich beide Vereine entwickeln. Ich wünsche dem FC, dass er so hoch wie möglich spielt."
Während die AS Eupen den direkten Wiederaufstieg anpeilt, steht der FC Eupen vor einem Umbruch. Viele erfahrene Spieler werden ihre Karriere beenden, junge Talente müssen nachrücken. "Das ist unsere Philosophie", erklärt Malmendier. "Wir müssen viele junge Spieler einbauen - das ist alternativlos. Die nächsten Jahre werden spannend." Ein Blick zur AS zeigt, wie ein solcher Weg aussehen kann. Nach dem Abstieg hat Collubry mit einer jungen Mannschaft eine neue Mentalität entwickelt. "Wir haben den Jungs von Anfang an eingeimpft, dass Gewinnen zur Normalität wird. Diese Gier hat uns früher gefehlt - und genau das hat sich verändert."
Wenn am Abend der Anpfiff ertönt, werden all diese Geschichten für einen Moment in den Hintergrund treten. Dann geht es nicht mehr um Tabellen, Perspektiven oder Zukunftspläne - sondern nur noch um das, was ein Derby ausmacht: Die Antwort auf die Frage, wer sich ein letztes Mal die Vorherrschaft in Eupen sichert.
Radio-Interview mit Andy Malmendier und Nicolas Collubry im Player:
Christophe Ramjoie