Im belgischen Handball-Schiedsrichterwesen herrscht derzeit eine handfeste Krise. Spiele finden ohne angesetzte Unparteiische statt, andere Schiedsrichter werden an einem einzigen Tag für mehrere Begegnungen eingeplant. Besonders alarmierend war zuletzt eine Damenpartie der höchsten belgischen Spielklasse zwischen Beyne und Visé, bei der "nicht einmal ein Schiedsrichter aufgetaucht ist", wie Klaus-Dieter Convents berichtet. Für den langjährigen Schiedsrichterchef ist klar: "Das passiert, wenn keine Kontrolle mehr da ist."
Auslöser der aktuellen Misere ist die überraschende Absetzung von Convents, der das belgische Schiedsrichterwesen 25 Jahre lang verantwortete. "Urplötzlich bekam ich eine Mail. Darin stand, dass ich nicht länger Schiedsrichterchef sein sollte - ohne triftige Begründung", sagt der 70-Jährige. Die Entscheidung des frankofonen Verbandes hatte weitreichende Folgen: Drei der vier Mitglieder der Schiedsrichterkommission traten umgehend zurück. "Das waren äußerst kompetente Leute, die nach Covid bewusst in die Kommission geholt worden waren", betont Convents. Seither fehle es an Struktur, Planung und fachlicher Begleitung.
Die Konsequenzen zeigen sich zunehmend im Spielbetrieb. So kam es am selben Wochenende zu einem weiteren Vorfall bei einer Damen-Erstligapartie zwischen Eupen und Atomix. Ein Schiedsrichter leitete um 18 Uhr ein Spiel in Hasselt und sollte nur gut zwei Stunden später in Eupen pfeifen. "Bei einer Strecke von rund 80 Kilometern ist das kaum zu bewältigen", erklärt Convents. Die Unparteiischen trafen erst kurz vor dem Anpfiff ein.
KTSV-Trainer Philipp Reinertz kritisierte daraufhin öffentlich die Unsicherheit und die mangelnde Organisation. Für Convents ist diese Kritik berechtigt: "So macht es keinen Spaß, weiterzuspielen - vor allem nicht, wenn man den Damenhandball eigentlich fördern will."
Dass solche Vorfälle früher kaum vorkamen, führt Convents auf seine damalige Kontrollfunktion zurück. "In den 25 Jahren, in denen ich die Verantwortung hatte, habe ich mir freitags alle Ansetzungen angeschaut und bei möglichen Problemen sofort Kontakt aufgenommen." Ein Spiel ohne Schiedsrichter habe es in dieser Zeit praktisch nie gegeben. Heute hingegen sei das Schiedsrichterwesen "gegen die Wand gefahren worden".
Besonders kritisch sieht Convents die Situation auf frankophoner Seite. Dort existiere faktisch keine funktionierende Schiedsrichterkommission mehr. "Die flämische Seite ist motiviert, aber auf der französischsprachigen Seite ist außer einem einzelnen Ansetzer nichts mehr da." Pläne, wonach Präsident oder Generalsekretär selbst Aufgaben in der Kommission übernehmen könnten, hält er für wenig zielführend: "Die nötige Kompetenz haben sie natürlich nicht."
Die aktuelle Krise verdeutliche zudem, wie fragil das gesamte System sei. "Eine Person wird rausgeworfen, und alles bricht zusammen wie ein Kartenhaus", sagt Convents. In seiner Amtszeit habe es stets eine klare Vision, eine Philosophie und ein strukturiertes Konzept gegeben. "Jetzt ist das alles hinfällig geworden." Ohne qualifiziertes Coaching und gezielte Vorbereitung seien die Schiedsrichter auf sich allein gestellt.
Auch den sportlichen Stillstand im belgischen Handball ordnet Convents in diesen Kontext ein. Die WM-Teilnahme 2023 sei "durch viel Glück und Zufall" zustande gekommen. "Man hätte diese Weltmeisterschaft nutzen müssen, um eine bessere Zukunft vorzubereiten - aber man hat wenig bis gar nichts daraus gemacht." Heute müsse Belgien sogar mit Luxemburg um die Teilnahme an Qualifikationsrunden konkurrieren.
Zwar gebe es Unterstützung durch den Europäischen Handballverband und öffentliche Stellen, doch Convents stellt die Verwendung der Mittel infrage. "Wenn bei einem Jugendturnier 17-jährige Nationalspieler mit unterschiedlichen Hosen auflaufen, dann frage ich mich, wo die Gelder hingehen." Für ihn ist klar: Ohne Kompetenz, Struktur und klare Führung droht dem belgischen Handball-Schiedsrichterwesen ein langfristiger Niedergang. "Mittelmaß führt zum Stillstand - und genau da sind wir jetzt angekommen."
Ausführliches Radio-Interview mit Klaus-Dieter Convents im Player:
Christophe Ramjoie