Aerosol-Forscher Gerhard Scheuch empfiehlt: Ab nach draußen!

Sport im Freien ist weitgehend sicher, sagt Gerhard Scheu. Die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus lauere in den Innenräumen, so der Aerosol-Forscher.

Laufen (Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / pressmaster)

Illustrationsbild: © Bildagentur PantherMedia / pressmaster

Wie hoch ist das Risiko einer Ansteckung bei Außen-Aktivitäten?

Man darf ja als Wissenschaftler nicht null sagen. Das gibt’s ja nicht, und wäre auch vermessen. Aber wir wissen halt aus Statistiken, dass das Ansteckungsrisiko in Innenräumen zwischen einem Faktor 18 und 1.000 höher ist als draußen. Wir wissen nicht genau, wie hoch die Quote ist. Aber es gibt inzwischen eine sehr gute Untersuchungen aus Irland. Die hat eine Quote von 0,1 Prozent Ansteckungen draußen festgestellt, also 99,9 Prozent haben die im Innenraum festgestellt. Das ist keine Zahl, die ich mir ausgedacht habe. […]

Also es sind sehr viele Ansteckungen drinnen. Und da haben wir halt einen offenen Brief an die Bundesregierung geschrieben als Gesellschaft für Aerosol-Forschung und haben gesagt: Richtet doch mal euren Fokus vom Außenbereich auf den Innenbereich, weil dort finden die Infektionen statt – und zwar in allergrößter Mehrheit. Damit haben wir jetzt eine ziemlich große Öffentlichkeit erreicht. Und ich glaube, das ist auch wichtig, damit die Bevölkerung weiß, wo die Ansteckungen wirklich passieren. Es wird ja immer gesagt, wir wissen es immer noch nicht. Doch wir wissen zumindest eines: dass draußen nicht viel passiert.

Das Motto heißt also dann im Prinzip: Ab nach draußen, da kann euch nicht allzu viel passieren – und auch ohne Masken wäre das möglich?

Absolut, genau. Raus nach draußen, weil drinnen lauert die Gefahr. Das ist einfach so. Wir stecken uns hauptsächlich in den Innenräumen an, also kann die Konsequenz nur heißen: Geht bitte raus. Wir haben ja seit einem Dreivierteljahr in Deutschland auch die AHA+L-Regel. Man soll lüften, lüften, lüften, sagt der Herr Wieler. Das ist ja die gleiche Maßnahme. Dann kann ich ja gleich rausgehen. Also besser ich gehe gleich raus, als dass ich dann nur die Fenster aufmache. Und deswegen ja: rausgehen.

Masken draußen braucht man auch nicht unbedingt. Es gibt eine Situation, wo man sie aufsetzen sollte, wenn man eben sehr, sehr eng zusammen steht. Wenn die Leute eng zusammen sitzen, wenn man sich bei Veranstaltungen ziemlich nahe kommt, dann macht auch eine Maske Sinn, denn es kann ja auch eine Ansteckung über eine Tröpfchen-Infektion draußen stattfinden. Aber die sind sehr selten.

Gilt das auch für Kontaktsportarten draußen? Oder ist dann die Dauer des Kontakts zu gering, um sich infizieren zu können?

Vermutlich ist die Dauer des Kontakts viel zu gering, sonst hätten wir bei Fußballspielen, die ja jetzt in den Profiligen stattfinden, schon viel mehr Ansteckung feststellen müssen. Da sind ja die Kontakte sehr eng. Wenn die ein Tor geschossen haben und auf einem Haufen rumknuddeln, dann weiß man ja, dass da der Abstand nicht gewahrt wird. Das ist eigentlich schon ein Beleg dafür, dass es anscheinend keine große Gefahr darstellt.

Aber die Infektion in der Bundesliga und auch in der belgischen ersten Liga gab’s nun mal. Ist da die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Spieler gegenseitig in der Kabine beispielsweise infiziert haben und nicht unbedingt auf dem Feld?

Wenn es in der Mannschaft ausbricht, sind es meistens nur Einzelfälle, die beobachtet werden, d.h. einzelne Spieler sind infiziert. Das heißt, es kommt wahrscheinlich gar nicht aus der Mannschaft, sondern es kommt wahrscheinlich aus dem häuslichen Umfeld. Und da wissen wir natürlich nicht, wo die sich angesteckt haben. Wenn es aus der Mannschaft käme, müsste es ja immer mehr als eine Ansteckung in der Mannschaft geben. Das ist aber sehr selten der Fall, da die ja konsequent getestet werden. Ich habe in der Bundesliga, glaube ich, noch keinen einzigen Fall gehabt, wo mehrere Spieler einer Mannschaft positiv getestet waren. Es waren immer nur einzelne Spieler. Das deutet daraufhin, dass sie sich sehr wahrscheinlich nicht bei dem Spiel selbst angesteckt haben oder beim Training, sondern dass das von außen hereingetragen wird.

Aber ich habe da ein Beispiel von einer Mannschaft aus Eupen. Bei der AS Eupen gab es einige positive Corona-Fälle, 17 waren es insgesamt. Was ist denn Ihre Erklärung dafür?

Dann hat das wahrscheinlich im Umkleide-Bereich, auf einer Toilette oder auf einer kleinen Feier stattgefunden. Es wäre eine sehr große Ausnahme, wenn das wirklich auf dem Feld passiert wäre. Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Man müsste sich dann mal anschauen, wer sich infiziert hat. Waren das Betreuer? Waren das nur Spieler? Da müsste man jetzt mal genau nachgucken. Und wenn man das eventuell nachvollziehen kann, wann das passiert ist, muss man sich mal angucken, wo die sich da aufgehalten haben zu dem Zeitpunkt. Das ist meistens in Innenräumen – und das Tückische ist dabei: Diese Aerosol-Übertragung passiert ja so, dass die Person selbst gar nicht mehr in dem Raum gewesen sein muss, wenn man sich anstecken will. Wenn ich jetzt in meinem Büro sitze, hier vier Stunden arbeite und ich wirklich ein infektiöse Person wäre, dann könnte ich in den vier Stunden etwa 100 Millionen Viren hier in den Raum geatmet haben. Wenn ich dann kein Fenster öffne, keine Lüftungsanlage und kein Raumluftfilter-Gerät hier drin installiert habe, dann kann Stunden später jemand in diesen Raum reinkommen und der infiziert sich.

Ist das nicht möglicherweise auch eine Chance für althergebrachte Sportmöglichkeiten, wie beispielsweise den Trimm-dich-Pfad? Das wäre zu empfehlen, das Fitnessstudio hingegen eher mit Vorsicht zu genießen?

Das würde ich so sagen. Ja, auf jeden Fall. Also auf alle Fälle Sport draußen, so oft und so häufig, wie es geht. Ich habe aber auch mal ein Fitnessstudio in Frankfurt besucht, da waren quasi Reinraum-Bedingungen drin. Die hatten riesige Filteranlagen da und Absaug-Anlagen installiert mit sehr guten Filtern. Ich hab dann die Aerosol-Konzentration dort in den Räumen gemessen. Das hat quasi einem Reinraum entsprochen. Das heißt, die hatten wirklich sehr saubere Luft dort erzeugt. In so einem Fitnessstudio würde ich mich wohlfühlen, hätte ich keine Bedenken. Es ist eben von Fall zu Fall immer zu entscheiden. Man kann nicht sagen, Restaurants sind generell schlecht, Fitnessstudios sind generell schlecht. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Wenn gute Luft-Hygiene-Maßnahmen dort installiert sind, dann sind auch Innenräume relativ sicher zu machen.

Also muss in Zukunft für Indoor-Sportarten nachgerüstet werden, um eben die Luft ständig reinigen zu können in den Sporthallen?

In den Fitnessstudio ja, Sporthalle ist ja schon wieder ein anderes Thema. Eine Sporthalle ist ja sehr groß und hat ein großes Volumen. In einer großen Sporthalle hat man ja fast Außenbedingungen. Das heißt also, wenn dort ein Infizierter ist, der Aerosol-Partikel ausatmet,dann verdünnen die sich in der ganzen nach Hallen-Luft. Das heißt wiederum der einzelne, der dann was einatmet, atmet eine sehr niedrige Konzentration ein. Also je größer die Halle ist, umso besser ist das natürlich auch, weil sich dann die ausgeatmeten Aerosole dort sehr schnell verdünnen. Das ist dann ähnlich wie im Freien. Wenn man dann in so einer großen Halle noch vernünftige Lüftungsmaßnahmen installiert, dann kann man sich auch in der Halle recht sicher fühlen.

Heißt, die ganzen Indoor-Sportler, die jetzt lange Zeit in die Röhre geschaut haben, dürfen sich berechtigte Hoffnung machen, dass das Risiko, sich in der Halle zu infizieren, relativ gering ist?

Genau! Je größer der Raum ist, umso geringer ist das Risiko. Es gibt für die Ansteckungen in Innenräumen eigentlich sechs Faktoren, die eine Rolle spielen. Der erste Faktor ist, wenn viele Leute in der Halle oder in einem Raum sind, dann ist die Ansteckung natürlich höher, als wenn wenige Leute da sind. Die Anzahl der Personen in einem Raum geht quadratisch das Ansteckungsrisiko ein. Das heißt also: doppelte Anzahl von Personen in einem Raum, vierfaches Risiko.

Zweiter Faktor ist die Zeit. Je länger ich mich mit einem Infizierten in einem Raum befinde, umso höher ist das Ansteckungsrisiko. Auch das geht quadratisch ein. Doppelte Zeit mit einem Infizierten in einem Raum bedeutet Vierfaches Ansteckungsrisiko. Also sollte man die Treffen, die Trainingseinheiten, die Abschnitte, in denen man sich in diesen Räumen aufhält, möglichst kurz halten.

Dritter Faktor ist die Raumgröße. Die haben wir eben besprochen: große Halle, kleines Risiko. Je größer die Halle, umso geringer das Risiko. Große Ansteckungsgefahr z.B. in Pkw, Toiletten oder Fahrstühlen – das ist ein ganz kleines Volumen. Diese Räume sind sehr schnell verseucht und dann kann man sich sehr schnell anstecken.

Der vierte Faktor, den man beachten muss, sind Lüftungmaßnahmen. Wenn ich oft das Fenster aufmache, habe ich bessere Bedingungen, als wenn ich den ganzen Tag mit geschlossenem Fenster arbeite. Fünfter Faktor sind Raumluft-Filter. Wenn ich die Luft ständig filtern kann in dem Raum, dann nehme ich auch die Partikel aus den Raumluft heraus. Und die sechste Maßnahme sind Masken. Wenn man diese sechs Maßnahmen kombiniert, kann man in den Innenräumen relativ ungefährlich leben.

cr/mg