Neutral-Moresnet – ein Kuriosum europäischer Geschichte

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden das ehemalige Preußisch-Moresnet und das 344 Hektar große Neutral-Moresnet Belgien zuerkannt. Heute gehören sie zur Gemeinde Kelmis.

Grenzstein von Neutral-Moresnet

Vor zweihundert Jahren begann ein interessantes Kapitel in der belgischen Geschichte. Nach den Napoleonischen Kriegen wurde Europa beim Wiener Kongress neu geordnet. Über einen kleinen Landzipfel konnten sich die Siegermächte jedoch nicht einigen. Eine geographische Winzigkeit von gerade einmal 3,4 Quadratkilometern wurde 1815 zum Zankapfel.

Das Königreich Niederlande und das Königreich Preußen beanspruchten das Gebiet, auf dem sich Galmei-Vorkommen befanden. Das Zinkerz war für die damals aufkeimende Industrie wichtig. Die beiden Königreiche waren durch den Wiener Kongress zu neuen Nachbarn geworden. Sie konnten sich partout nicht einig werden, wer von ihnen den Landstrich beanspruchen durfte.

Schließlich zogen beide Parteien auf der Landkarte ein paar gerade Linien und erklärten das Dreieck zwischen den Niederlanden und der preußischen Rheinprovinz zum strittigen Gebiet. Einhundert Jahre lang war Neutral-Moresnet ein Kuriosum europäischer Geschichte.

Keleme, Calamine, Galmei

Der BRF hat sich im ehemaligen Neutral-Moresnet auf Spurensuche begeben. Erste Station ist das Haus von Firmin Pauquet in Kelmis, das damals auf neutralem Gebiet lag. Der 86-jährige ehemalige Geografie-Lehrer und Politiker ist mit Haut und Haaren Heimatforscher und Hobby-Historiker. Die Geschichte von Neutral-Moresnet ist sein großes Steckenpferd.

„Die erste Erwähnung der Ortschaft ist 1280. Und die Ortschaft heißt Kelmis. Keleme, Calamine, Galmei wurde mit dem roten Kupfer gemischt und dem gelben Kupfer. Das gelbe Kupfer war viel mehr wert, weil es täuschte, dass man Gold sah. Es war die größte und wichtigste Galmeigrube in West-Europa“, erklärt Firmin Pauquet.

Ganz klar, dass zwei aufstrebende Industrieländer, wie die Niederlande und Preußen, über den lukrativen Galmei-Abbau in Streit gerieten. Um das Tortenstück von 344 Hektar Größe mit seinen 256 Einwohnern und seinen rund 50 Häusern verwalten zu können, setzten beide Parteien Königliche Kommissare ein. Unterstützt wurden sie von einem Maire aus napoleonischer Zeit, von Arnauld de Lassaulx. Er durfte das 1802 an ihn übertragene Bürgermeisteramt bis 1859 ausüben.

Belgische Unabhängigkeit

Im September 1830 lehnte sich die überwiegend katholische Bevölkerung der niederländischen Südprovinzen auf. Die Katholiken fühlten sich von den nordniederländischen Protestanten unterdrückt und benachteiligt. Besonders in Brüssel kam es zu heftigen Gefechten zwischen Regierungstruppen und Freikorps, die für ein unabhängiges Belgien kämpften und schließlich gewannen. Doch auch die Revolution und die Gründung des Staates Belgien änderten am staatsrechtlichen Schwebezustand von Neutral-Moresnet, das nun von Belgisch-Moresnet auf der einen und Preußisch-Moresnet auf der anderen Seite eingerahmt wurde, nichts.

Der Galmei-Abbau durch die Bergbaugesellschaft „Vieille Montagne“, die 1837 gegründet wurde, sorgte für einen wahren Wirtschafts-Boom in Neutral-Moresnet. Die steuerlichen Einnahmen wurden zwischen der belgischen und preußischen Verwaltung geteilt. Mit damals modernster Technik wurde das Galmei-Erz im Tagebau gefördert. Firmin Pauquet bewahrt einige Klumpen in einem Vitrinen-Schrank auf. „Das ist alles Galmei. Es bestand aus drei verschiedenen Mineralien. Zink-Carbonat, Zink-Carbonat mit Wasser und Silikat.“

Neben Muskelkraft wurden zur Galmei-Förderung Wasserräder und später Dampfmaschinen eingesetzt. Die Hauptgrube war bis zu 65 Meter tief. Drumherum entstanden Waschhallen, in denen das Galmei-Erz vom Schlamm befreit und gereinigt wurde. Verwaltungsgebäude, Wohnhäuser für die Arbeiter und eine Bahnlinie zum Abtransport wurden gebaut. 1857 war Neutral- Moresnet auf 304 Häuser angewachsen. Die Einwohnerzahl hatte sich auf 2572 Menschen verzehnfacht. Um 1880 waren es sogar schon 4000 Menschen.

Esperanto-Staat

Einige träumten von einem Freien Staat Neutral-Moresnet. Eine eigene Währung sollte her und eigene Briefmarken. Für beides gab es Prototypen, aber verwirklicht wurde dieser Traum nicht. Aber da war noch ein anderer Traum – der von Dr. Wilhelm Molly. „Er war ein Esperantist“, erklärt Firmin Pauquet. „Er war als Arzt bei der Vieille Montagne, um die Arbeiter zu pflegen. Vor allem das französische Gesetz sah vor, dass die Grubenarbeiter, besser als alle anderen Arbeiter, gepflegt werden mussten.“

Die Bergbaugesellschaft hatte Gruben-Arbeiter aus aller Herren Länder nach Neutral-Moresnet gelockt. Vielleicht brachte diese vielsprachige Multi-Kulti-Truppe Wilhelm Molly auf die Idee, Neutral-Moresnet zum Esperanto-Staat zu machen. Ein Wappen und einen Namen für seinen Esperanto-Staat hatte er auch schon parat: „Amikejo“ (Ort der Freunde) sollte er heißen.

Die Idee fand jede Menge Anhänger. Auf einer alten Postkarte ließ sich um 1908 die vielköpfige Esperantista Grupo de Amikejo Neutra Moresneta ablichten. Ein Stammlokal hatten sie auch, das Esperanta Gasttablo. Und einen eigenen Marsch, der damals extra komponiert worden war. Die Idee vom Esperanto-Staat konnte sich nicht durchsetzen, aber im ehemaligen Neutral-Moresnet gibt es auch heute noch einige Esperantisten, die regelmäßig zusammenkommen und auch internationale Treffen organisieren.

Zink – ein neuer Werkstoff

Auch der ehemalige Polizist Iwan Jungbluth widmet sich mit Inbrunst der spannenden Geschichte von Neutral-Moresnet. 2012 hat der Heimatforscher nach viel Recherchearbeit das Buch „Der Bärrech – die Neutralität – der Schmuggel“ herausgebracht.  Im Museum von Kelmis zeigt Iwan Jungbluth Gießkannen und Töpfe aus Zink, die ihren Ursprung in der Galmei-Grube von Neutral Moresnet haben. „Es ist ein neuer Werkstoff entstanden damals, der bis dahin unbekannt war. Und das war ein ganz neues Verfahren. Und heute zum Beispiel in Paris sind die Dächer überwiegend Zinkdächer“, erklärt Jungbluth.

Zink aus dem kleinen Neutral-Moresnet auf den Dächern der Weltstadt Paris. Doch auch der neutrale Flecken zwischen Belgien und Preußen gab sich durchaus kosmopolitisch – in Sachen Verkehrsanbindung. „Wir hatten drei internationale Bahnhöfe. Und zwar Hergenrath an der großen Linie, die von Lüttich nach Deutschland führte. Dann hatte man einen Sackbahnhof, der auch neutralen Charakter hatte, der einige hundert Meter über neutrales Gebiet ging. Und einen Bahnhof Richtung Moresnet auf der Strecke Aachen-Tongeren. Und das auf die paar Quadratmeter.“

Schmuggel und andere Vergnügen

Doch auf den paar Quadratmetern von Neutral-Moresnet herrschte nicht nur reger Zugverkehr. Das Gebiet genoss Zollfreiheit für den Import von Waren aus Belgien und Preußen. Für den Export musste allerdings Zoll entrichtet werden, was zum einen oder anderen illegalen Grenzübertritt führte. Bei Nacht, von einer Straßenseite zur anderen oder auch unter der Straße her – durch einen Abwasserkanal.

Doch der kleine Grenzverkehr funktionierte auch in einer anderen Beziehung ganz gut, denn Neutral-Moresnet hatte einiges zu bieten. Nach Feierabend tobte dort der Bär. Um die vielen Arbeiter bei Laune zu halten, förderte die Bergbaugesellschaft „Vieille Montagne“ das gesellige Miteinander nach Dienst. Es entstanden Chöre und Bergmanns-Kapellen, nicht weniger als sieben Schützenvereine, ein Anglerverein und verschiedene Karnevalsvereine. Auch die Kneipendichte war enorm.

Damit bei all der Feierei in Neutral-Moresnet nichts an- und abbrannte, stand die freiwillige Grubenfeuerwehr der „Vieille Montagne“ Schlauch bei Fuß. Unterstützung kam im Notfall auch von den wackeren Wehrleuten in Preußisch-Moresnet. Und wenn es mal etwas lauter wurde oder sogar die Fäuste flogen, schritt entweder die Gendarmerie aus Belgisch-Moresnet oder die preußische Pickelhauben-Polizei ein. Auf den paar Quadratmetern hatte alles seine Ordnung.

Drei verschiedene Uhrzeiten

Nur mit der Uhrzeit gab es so einige Probleme. „Die hatten selbst zwischen den beiden Orten Neutral-Moresnet und Preußisch-Moresnet eine Stunde Zeitunterschied. Und zur holländischen Zeit waren es noch einmal zwanzig Minuten Zeitunterschied. Es gab in dem kleinen Dreiländereck drei verschiedenen Zeiten. Verrückt“, lacht Jungbluth.

Ein paar hundert Meter vom Museum steht steinernes Relikt aus der Zeit, als in Neutral-Moresnet noch Galmei gefördert wurde. Ein imposanter Backsteinbau mit wunderschöner Innentreppe: der Sitz der Grubendirektion. Das Entree könnte zu einer hochherrschaftlichen Villa gehört haben. Ein altes Foto zeigt das Direktionsgebäude mit seinem markanten Dach aus Zinkplatten und mit der riesigen Fassaden-Uhr. „Und auf der Uhr, wie man das damals erzählte, wurden die drei verschiedenen Uhrzeiten angezeigt, die in der Ecke hier gebraucht wurden.“

Direkt an das große Direktionsgebäude schmiegt sich auch noch der ehemalige kleine Güter-Bahnhof. Keinen Steinwurf von hier lag die heute zugeschüttete Grube, in der Galmei gefördert und über die Schiene abtransportiert wurde. Hier stehen auch noch einige Ruinen von einstigen Brennöfen. Aus den ehemaligen Abraumhalden sind zum Teil begehbare Aussichtsplattformen geworden, auf denen eine einzigartige Flora gedeiht. Vor allem das gelbe Galmeiveilchen fühlt sich auf dem zinkhaltigen Boden wohl.

Und es gibt auch noch einen Grenzstein – die äußerste Grenze von Neutral-Moresnet.

as/km - Foto: Iwan Jungbluth

Kommentar hinterlassen
Ein Kommentar
  1. Michael Scherm-Markow

    Ein sehr interessanter Bericht, insbesondere auch die Idee mit Esperanto eine friedliche und völkerverbindende Sprache zu nutzen. Nun ist im März 2017 in der edition suhrkamp ein wunderbares und sehr lesenswertes Büchlein (86 S.) des Niederländers David Van Reybrouck zu Neutral-Moresnet erschienen. Man lernt aus diesem Mikrokosmos einiges daraus und vor allem macht es auch noch Vergnügen.
    M. Scherm-Markow

Kommentar hinterlassen

Ihre Email-Adresse wird niemals veröffentlicht!
Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien zu Kommentaren.

Restl. Anzahl Wörter: 150