"Belgien ist ganz anders", sagt Franco Coppola, der in vielen Ländern der Erde gelebt hat: im Nahen Osten, in Afrika und Lateinamerika. Seit fünf Jahren ist der 69-jährige Italiener Nuntius in Belgien. Um seinem Auftrag gerecht zu werden, wollte er die Realität der Belgischen Kirche kennenlernen. Hier seien die Menschen engagiert und wollten sich beteiligen. Man dürfen ihren Beitrag nicht unbeachtet lassen.
Er wolle zuhören und erfahren, was die Menschen bewegt, erklärt Coppola seine Initiative "tournée d´'ecoute". Zum ersten Mal werden die Laien damit konkret in die Suche nach einem Kandidaten für das Bischofsamt eingebunden und können ihre Sicht mit einbringen. In anderen Bistümern habe er bereits positive Erfahrungen damit gemacht und jeweils an die 1.000 Zusendungen erhalten. Es geht ihm darum, die vielen verschiedenen Standpunkte kennenzulernen. Die Realität sei nicht schwarz-weiß, sondern komplex. Das habe er in Belgien gelernt.
In Harmonie zusammenleben trotz verschiedener Standpunkte, so habe er das Bistum Lüttich bis jetzt erlebt und das sollte man pflegen und fördern, findet der Nuntius. Er wolle die verschiedenen Facetten der sozialen und religiösen Situation in Belgien verstehen, die so ganz anders sei als in den Ländern, in denen er gelebt habe: Libanon, Israel, Irak oder Iran. Auch wenn die Menschen dort verschiedene Religionen lebten, so eine sie doch der Glaube an einen Gott. In den Gesellschaften Nordwesteuropas lebten viele Menschen, als gebe es keinen Gott. Wie sollte die Kirche hier mit der Säkularisierung umgehen? Eine seiner Fragen.
Ganz besonders bewege die Menschen das Thema Jugend. Wie könne man den jungen Leuten helfen, ihren Weg zu finden? Auch das sei eine der Fragen, denen sich die Kirche stellen müsse. Und was müsse getan werden, um den Menschen zu helfen, die vom Leben gezeichnet sind? Wer ohne Liebe aufwachse, trage Verletzungen davon. Die Kirche müsse sich kümmern.
Was ist gut gelaufen? Was muss der neue Bischof besser oder anders machen? Ein Bischofswechsel sei immer auch die Gelegenheit für einen Neuanfang. Was erwarten die Menschen von dem neuen Bischof? Welches Profil sollte er haben? Franco Coppola verspricht sich von den Treffen nicht nur Anregungen, sondern auch konkrete Namen. Denn schließlich kenne er die Priester im Bistum ja nicht persönlich und sei auf Empfehlungen angewiesen. Die Gläubigen wüssten, ob er einer nur gut predigen könne oder auch danach handele.
Coppola ermuntert die Menschen, ihm ihre Vorschläge und Anregungen auch schriftlich mitzuteilen und sich offen zu äußern, wie sie die Kirche erleben. Ausdrücklich betont der Nuntius, das auch Nicht-Katholiken Vorschläge machen könnten. Nach einer Analyse der Vorschläge und Konsultationen über mögliche Kandidaten stellt der Nuntius ein Dossier zusammen, das er nach Rom schickt. Auf dieser Basis trifft der Papst seine Entscheidung. Wenn es gut laufe, könnte das Bistum Lüttich nächsten Sommer einen neuen Bischof haben, meint Coppola. Bis dahin bleibt Jen-Pierre Delville noch im Amt.
Vorschläge und Anregungen an Nuntius Franco Coppola können per Mail eingereicht werden.
Michaela Brück