Ostbelgien gilt wirtschaftlich als stabil, die Einkommen liegen vergleichsweise hoch. Doch Armut existiert auch hier - häufig hinter verschlossenen Türen, begleitet von Scham, Isolation und Angst vor den nächsten Rechnungen. Genau dieses Tabu wollen die Veranstalter am Samstag brechen. Der Aktionstag wird vom wallonischen Armutsnetzwerk Réseau Wallon de Lutte contre la Pauvreté (RWLP) unterstützt, das sich für strukturelle Lösungen einsetzt.
Lichterzug durch Eupen
Vor dem Regierungsgebäude an der Klötzerbahn finden Ansprachen von Sozialministerin Lydia Klinkenberg und von Christine Mahy (RWLP) statt. Anschließend setzt sich ein Lichterzug mit selbstgebastelten Laternen in Bewegung. Die Laternen werden feierlich vor der Nikolauskirche aufgestellt und sollen für eine stimmungsvolle Atmosphäre sorgen.
Der Lichterzug soll bewusst ein sichtbares Zeichen setzen: Armut darf nicht länger übersehen werden. Die Organisatoren wollen Menschen, die von Armut betroffen sind, eine Stimme geben und die Öffentlichkeit für ihre Erfahrungen sensibilisieren.
"Es stimmt für viele, aber nicht für alle"
Catherine Brüll, Animatorin bei "Miteinander Teilen", betont, dass der Wohlstand der Region nicht darüber hinwegtäuschen dürfe, wer im Alltag kaum über die Runden komme: "Die Zahlen zeigen, dass die Einkommen hier relativ hoch sind. Und wenn man sich umschaut, hat man erst mal das Gefühl, dass es uns sehr gut geht. Das stimmt für viele auch, aber eben nicht für alle. Es gibt auch sehr viele Menschen um uns herum, die in Armut leben." Armut äußere sich dabei sehr unterschiedlich: als finanzielle Not, aber auch als Angst vor Heizkosten, Sorge um die Bildung der Kinder oder soziale Isolation.
Im Vorfeld des Aktionstags hatte "Miteinander Teilen" Fachkräfte aus dem Sozialbereich und Menschen mit eigener Armutserfahrung befragt. Insgesamt wirkten 115 Betroffene aus ganz Ostbelgien mit. Ein zentrales Ergebnis: Viele wissen nicht, welche Unterstützung zur Verfügung steht oder scheuen den Zugang, weil sie ihre Situation immer wieder offenlegen müssen.
"Die Menschen haben eh schon sehr viel Druck. Sie müssen täglich darüber nachdenken, wie sie über die Runden kommen. Das Ganze ist oft mit Scham besetzt. Dann diese Hürde zu nehmen, auf einen Dienst oder eine Einrichtung zuzugehen, ist schon sehr groß", sagt Catherine Brüll. Gefordert werden deshalb niedrigschwellige Anlaufstellen, an denen Betroffene ohne lange Wege an die richtige Hilfe verwiesen werden.
Wohnraum und Sichtbarkeit
Ein weiterer zentraler Punkt aus den Workshops ist bezahlbarer Wohnraum. Brüll zufolge ist das das Thema, das bei allen Beteiligten zur Sprache kam.
Zudem müsse Armut öffentlich und ohne Vorurteile besprochen werden: "Dass man die Sichtbarkeit immer weiter nach vorne bringt und dass man darüber austauscht und ohne Scheuklappen das Thema angeht, damit die Menschen eben auch aus dieser Vorurteilsecke rauskommen und man wirklich gute Lösungen für sie finden kann."
Der Aktionstag ist Teil einer größeren Veranstaltungsreihe. Bereits am 24. September hatten Fachkräfte im Kloster Heidberg über Armut in Ostbelgien diskutiert. Auch von Armut Betroffene haben in Workshops von ihren Problemen berichtet.
Treffpunkt der Veranstaltung ist um 16 Uhr das Regierungsgebäude an der Klötzerbahn. Um 17.15 Uhr wird im Betanienraum der Nikolauskirche das Theaterstück "Monsieur" des Théâtre de la Communauté aufgeführt. Bei "Monsieur" handelt es sich um ein berührendes, wortloses Theaterstück, das auf der wahren und außergewöhnlichen Lebensgeschichte von Marcel Creton basiert, einem ehemals obdachlosen Mann aus Belgien.
Infos und Anmeldung unter info@miteinander.be.
Manuel Zimmermann