Warum wurde das Hohe Venn überhaupt entwässert? Dazu reisen wir ins Jahr 1815: Napoleon ist besiegt. Die Sieger haben seine Eroberungen unter sich aufgeteilt. Der Wiener Kongress entscheidet: Das Rheinland geht an Preußen. Da sind wir Ostbelgier mit drin.
Das Problem ist, dass zu dieser Zeit der zentraleuropäische Wald zu großen Teilen abgeholzt ist. Holz ist Mangelware, die Wirtschaft leidet, deshalb forstet Preußen auf. Überall im Reich entstehen Fichten-Monokulturen. Fichten sind der ideale Kulturbaum. Sie wachsen schnell und gerade. Die Preußen pflanzen so viele Fichten, dass der Baum nur noch "Preußenbaum" genannt wird. Aber im Hohen Venn wollen sie nicht wachsen. Die Böden sind zu nass und zu trocken.
Dazu muss man sagen, dass das Hochplateau schon seit Jahrhunderten vom Menschen verändert wird. Straßen, Torfabbau, Abholzung, Beweidung und zahlreiche andere Aktivitäten verändern das Gesicht der Hochebene. Hier sei auch gesagt, dass Wald schon immer auf dem Hochplateau wächst. Laub-Mischwald ist die natürliche Vegetation an den Stellen, wo es kein aktives Hochmoor gibt. Bäume ist also nicht unnatürlich für die Gegend, allerdings ist die Fichte hier nicht heimisch.
Damit der "Brotbaum" der Preußen überhaupt wachsen konnte, mussten die Waldparzellen entwässert werden. Ein Netzwerk aus Gräben entsteht, teilweise in nur fünf Metern abstand zueinander. Die unscheinbaren Entwässerungsgräben sind also der Beginn der Aufforstung im Hohen Venn.
Bis heute dominieren die Fichten unser Waldbild und bringen Einkünfte für Gemeinden und Region. 2018 liegt der Anteil Nadelwald auf dem Gebiet der DG bei 60,5 Prozent. Davon ist ein Großteil Fichte.
Aber: Was gut für die Fichte ist, ist schlecht für das Ökosystem. Durch die Gräben sinkt der Wasserspiegel ab. Moorflächen trocknen aus und das Wasser, was raus kommt, fließt durch die Gräben schneller ins Tal. Das Überschwemmungsrisiko steigt (besonders nach der Schneeschmelze). Die Moorvegetation geht verloren. Die betroffenen Moore werden inaktiv.
Durch menschliche Aktivitäten schrumpft das aktive Hochmoor auf weniger als ein Zehntel seiner ursprünglichen Größe. Um diese Flächen zu schützen, werden Anfang des 20. Jahrhunderts erste Naturschutzorganisationen gegründet. Sie führen erste Maßnahmen durch, kaufen Land, um es vor intensiver Bewirtschaftung zu schützen und verschließen erste Gräben.
1957 ist ein Wendepunkt für das Hohe Venn. Das Naturschutzgebiet wird gegründet. Aus Wiederaufforstung wird darin Wiederherstellung, Renaturierung. Förster graben keine neuen Gräben mehr im Moorgebiet. Sie schütten sie zu - mit Hilfe von vielen "Freunden des Venns" werden Moorflächen wieder hergestellt.
Die bisher größte Restaurierungsmaßnahme startet 2007: Beim europäischen LIFE-Projekt wurden fast 178 Kilometer Entwässerungsgräben zugeschüttet oder verstopft. Rund 940 Hektar Fichten werden abgeholzt.
Heute machen Förster also genau das Gegenteil: Sie schaffen Teiche und Dämme statt Gräben. Das Wasser soll nicht mehr raus, es soll so lange wie möglich im Venn gehalten werden. Das ist zwar schlecht für die Fichte, aber gut für Natur und Menschen: Aktive Moorgebiete sind widerstandsfähiger gegen Feuer und können Überschwemmungen abschwächen. Außerdem speichern sie sehr viel CO2.
Anne Kelleter