Der Begriff Andropause ist leider etwas ungenau: Anders als bei Frauen kommt es bei Männern nicht zu einer abrupten hormonellen Umstellung. Fachleute sprechen deshalb eher von einem altersbedingten oder funktionellen Hypogonadismus. "Die Männer erfahren Symptome einer Andropause mit Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Libidomangel, Antriebsstörungen, Durchschlaf- und Einschlafstörungen, atypischem Schwitzen. Das kann schon im Alter von 35 bis 40 einsetzen", sagt der Urologe Dr. Thomas Pulte.
Testosteron sinkt meist schleichend
Testosteron wird vor allem in den Hoden gebildet. Das Hormon beeinflusst unter anderem die Spermienproduktion, die Muskelmasse und -kraft, die Bildung roter Blutkörperchen sowie den Sexualtrieb.
Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel in der Regel nicht plötzlich, sondern allmählich. Ab den Vierzigern kann er durchschnittlich um etwa ein bis zwei Prozent pro Jahr abnehmen. Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen, hoher Alkoholkonsum und chronischer Stress können diesen Prozess zusätzlich verstärken. "Die Frauen wissen 20 Jahre eher, was für Symptome sie bekommen in Richtung Menopause. Die Männer haben gänzlich keinerlei Ahnung, was auf sie zukommen kann", erklärt Pulte.
Ein niedriger Testosteronwert ist allerdings nicht automatisch krankhaft. Viele Männer haben trotz des natürlichen Rückgangs keine oder nur geringe Beschwerden. Zudem können Müdigkeit, Schlafprobleme oder Antriebslosigkeit auch andere Ursachen haben - etwa Stress, Depressionen, Übergewicht oder bestimmte Erkrankungen.
Bewegung und Schlaf helfen
Ein gesunder Lebensstil kann sich positiv auf den Hormonhaushalt und das allgemeine Wohlbefinden auswirken. Dazu gehören regelmäßige Bewegung, Krafttraining, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und ein maßvoller Umgang mit Alkohol. "Man weiß aus vielen Studien, dass die körperliche Aktivität - auch Fitnessstudio und dergleichen - zur Anhebung des Testosteronspiegels führt und insgesamt somit auch zum Wohlbefinden", sagt der Urologe.
Auch Schlafmangel kann eine Rolle spielen. Bereits mehrere Nächte mit deutlich zu wenig Schlaf können den Testosteronhaushalt vorübergehend beeinflussen. Deshalb sollten anhaltende Beschwerden nicht vorschnell dem Alter zugeschrieben werden.
Wann eine Therapie sinnvoll sein kann
Die natürliche Abnahme des Testosterons muss klar von einem echten Testosteronmangel - einem sogenannten Hypogonadismus - unterschieden werden. Eine Diagnose sollte nur gestellt werden, wenn typische Beschwerden vorliegen und eindeutig zu niedrige morgendliche Testosteronwerte gemessen werden. Medizinische Fachgesellschaften empfehlen, zunächst die Ursache des Mangels abzuklären.
Bei einem nachgewiesenen Mangel kann eine Testosteronersatztherapie infrage kommen. Sie wird beispielsweise als Gel oder als Depotpräparat in Form einer Spritze verabreicht. "Wir können die Andropause der Männer sehr viel besser und leichter behandeln mit einem Gel oder einer Depotspritze", sagt Pulte. "Meistens nach vier Wochen Therapiebeginn setzen schon deutliche Besserungen der Symptome ein."
Die Wirkung ist jedoch nicht garantiert und hängt davon ab, ob tatsächlich ein krankhafter Hormonmangel vorliegt. Bei Männern mit normalen Testosteronwerten wird eine solche Behandlung nicht empfohlen. Auch als Mittel zum Muskelaufbau, zur Gewichtsabnahme oder als Anti-Aging-Therapie ist Testosteron nicht vorgesehen.
Ersatztherapie bleibt umstritten
Eine Testosterontherapie kann Nebenwirkungen haben. Dazu gehören unter anderem eine erhöhte Zahl roter Blutkörperchen, Akne, eine mögliche Verschlechterung einer Schlafapnoe und eine vorübergehende Unterdrückung der körpereigenen Spermienproduktion. Bei Kinderwunsch ist eine Testosteronersatztherapie deshalb besonders problematisch.
Vor Beginn und während der Behandlung sind regelmäßige ärztliche Kontrollen notwendig.
Zusammenfassend kann man sagen: Die sogenannte Andropause ist keine männliche Version der Menopause. Sie beschreibt vielmehr einen meist schleichenden Rückgang des Testosterons. Entscheidend ist, Beschwerden ernst zu nehmen, andere Ursachen auszuschließen und eine Behandlung nur nach sorgfältiger ärztlicher Abklärung zu beginnen.
Manuel Zimmermann