Jeder Schritt braucht Konzentration. Anne Kirsch stützt sich auf ihren Rollator, geht langsam von ihrem Haus zum Auto, steigt ein und fährt los. Ihr Ziel: der Stall. Dort wartet Honey auf sie.
Pferde gehören zu Annes Leben, seit sie ein junges Mädchen ist. Mit 16 bekam sie ihr erstes eigenes Pferd. Aus einem Hobby wurde eine Leidenschaft und schließlich ein wichtiger Teil ihres beruflichen Lebens. Parallel zu ihrem Studium zur Primarschullehrerin machte Anne eine Ausbildung zur Reitlehrerin und später zur Reitpädagogin.
Schon damals war sie davon überzeugt, dass Pferde Menschen mit Beeinträchtigungen helfen können. "Und ja, jetzt bin ich das beste Beispiel dafür, dass das dann auch so funktioniert", sagt sie heute.
Ein Moment verändert alles
Es ist der 19. Dezember 2019. Anne sitzt auf einem ihrer Turnierpferde in der Reithalle. Eigentlich will sie an diesem Tag gar nicht viel machen. "Ich wollte einfach nur antraben. Ich hab nichts anderes gemacht als sonst. Und das Pferd steigt." Anne versucht, sich zur Seite fallen zu lassen. Das Pferd verliert das Gleichgewicht, macht einige Schritte zurück. Anne liegt am Boden zwischen seinen Hinterbeinen.
Das Pferd schleift sie einige Meter mit und kommt schließlich auf ihrem Rücken zu sitzen. Anne wird schwer verletzt. In der Klinik wird ein gebrochener Wirbel mit einer Platte und sechs Schrauben fixiert. Bei einer weiteren Operation wird ein Knochensplitter im Rückenmark entfernt.
Einige Tage später beginnt Anne zu verstehen, wie sehr sich ihr Leben verändert hat. "Dann fasst Du dein Knie an und denkst dir: Hä? Da ist gar nix mehr. Da war kein Gefühl mehr, da war keine Bewegung mehr, gar nix."
Körper komplett auf Reset gesetzt
Anne ist partiell querschnittsgelähmt. Weil ihre Verletzung inkomplett ist, besteht die Möglichkeit, dass Funktionen zurückkommen. Aber dafür muss sie Bewegungen, über die sie früher nie nachgedacht hat, von Grund auf neu erlernen. "Man muss sich vorstellen, das ist so, als wäre dein Körper komplett auf Reset gesetzt."
In der Rehabilitation lernt sie zunächst, sich im Rollstuhl fortzubewegen. Sie trainiert, vom Bett in den Rollstuhl zu gelangen und sich wieder selbstständig zu versorgen. Mit ihren Therapeuten arbeitet sie daran, einzelne Muskeln überhaupt wieder bewusst anzusteuern.
Anne will verstehen, was in ihrem Körper passiert. Für ihr rechtes Bein schreibt sie sich sogar eine eigene Schrittanalyse. In rund 20 bis 25 Etappen zerlegt sie eine Bewegung, die für die meisten Menschen völlig selbstverständlich ist: einen einzigen Schritt.
Und sie setzt sich ein Ziel. "Das Einzige, was ich meiner Ärztin bei Ankunft gesagt hab: Ich geh hier raus, ich roll nicht hier raus." Fünf Monate später verlässt Anne die Reha. Mit einem Rollator. "Ich bin nicht rausgerollt."

Zurück auf ein Pferd
Eine andere Frage beschäftigt Anne zunächst ebenfalls: Wird sie jemals wieder reiten? In den ersten beiden Wochen nach ihrem Unfall ist ihre Antwort eindeutig: Nein. Angst oder Wut auf das Pferd empfindet sie nach eigenen Worten jedoch nicht. "Das Pferd hat keinen Fehler gemacht. Ich hab keinen Fehler gemacht", sagt Anne. Was passiert ist, bezeichnet sie als Schicksal.
Und nach zwei Wochen ändert sie ihre Meinung. "Ich geh wieder aufs Pferd." Mit einem Pferd, das sie früher selbst für die Hippotherapie eingesetzt hatte, beginnt sie langsam wieder zu reiten. Zunächst wird sie geführt. Ihr Körper muss lernen, die Bewegungen des Pferdes wieder auszugleichen.
Selbst nach oben zu schauen ist anfangs schwierig. "Wenn ich versuchte, nach oben zu schauen, dann verlor ich komplett das Gleichgewicht, auch im Sattel." Doch Stück für Stück kommt etwas zurück. "Das Ganze fügt sich dann zu so einem Puzzle zusammen und du wirst stärker."
Heute sitzt Anne wieder auf dem Pferd. Honey ist dabei weit mehr als ein Hobby. Das Reiten fordert Gleichgewicht, Koordination und Rumpfstabilität - genau jene Fähigkeiten, an denen Anne seit ihrem Unfall immer wieder arbeitet.

Heute hilft Anne anderen
Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben auch Annes Arbeit verändert. Als Reittherapeutin begleitet sie Menschen mit Beeinträchtigungen. Dazu gehört auch die elfjährige Noemie, die das seltene Joubert-Syndrom hat.
Für Anne bekommt ihre frühere Überzeugung damit eine neue Bedeutung: Schon lange vor ihrem eigenen Unfall wusste sie, wie wertvoll die Arbeit mit Pferden für Menschen mit Beeinträchtigungen sein kann. Heute kennt sie beide Perspektiven. Sie hilft anderen - und ist in ihrem eigenen Alltag selbst immer wieder auf Hilfe angewiesen.
"Man kann sich halt besser in die Leute reinversetzen", sagt Anne. "Du fühlst Sachen anders, Du siehst Sachen anders, weil Du in einer ähnlichen Situation bist, auch wenn das Krankheits- oder Gesundheitsbild nicht das Gleiche ist." Ihre eigenen Erfahrungen möchte sie deshalb weitergeben. "Ich denke schon, dass man hoffentlich den Leuten hilft und dass man weiter daran glaubt, dass auch die Pferde einem nach wie vor helfen können, da weiterzukommen."
Aufgeben oder weitermachen
Sechs Jahre nach dem Unfall ist Annes Weg nicht zu Ende. Sie geht weiterhin regelmäßig zur Physiotherapie. Vieles funktioniert wieder, manches nur mit Hilfsmitteln oder Unterstützung. Sie romantisiert diesen Alltag nicht. "Es sind hundert Kleinigkeiten, die dir mit jedem Tag, mit jeder Sekunde bewusst gemacht werden: Das schaffst Du jetzt nicht." Dann müsse sie einen anderen Weg finden.
Anne sagt auch, dass sie ihre Situation nicht einfach akzeptieren möchte. Denn für sie würde Akzeptieren bedeuten, nicht mehr weiter an ihren körperlichen Möglichkeiten zu arbeiten. Und sie hat noch ein ganz konkretes Ziel: Sie möchte mit ihren Hunden spazieren gehen können - nur gestützt auf einen Gehstock oder Nordic-Walking-Stock. Bis dahin trainiert sie weiter. "Man hat keinen Bock mehr. Man hat keine Lust mehr auf Kine. Aber du machst das."
Warum? Für Anne gibt es darauf eine einfache Antwort. "Du hast ja nur zwei Möglichkeiten: aufgeben oder weiterarbeiten." Und dann ist da noch ein Satz, der vielleicht am besten beschreibt, wo Anne heute steht: "Meine Reise ist Gott sei Dank zum Glück noch nicht am Ende."
Christophe Ramjoie