Weil immer mehr Pakete und immer weniger Briefe verschickt werden, muss sich die Post neu erfinden. Wie, ist nicht unumstritten. Erst nach vier Wochen Streik und einigen zähen Verhandlungen konnten sich Angestellte und Konzernleitung dieses Jahr auf einen Vorschlag einigen. Der sogenannte Transformationsplan soll Bpost fit für die Zukunft machen. Das System wird jetzt schrittweise eingeführt. Seit rund einer Woche wird die Post im Norden der DG also etwas anders zugestellt. Das Bpost-Zentrum Lontzen ist das erste in der Provinz Lüttich, das so arbeitet.
Der "ganz normale Wahnsinn" geht im Zustellzentrum Lontzen seit ein paar Tagen etwas später los. Die Glocke zum Dienstbeginn schellt jetzt um acht - statt um fünf. Das ist für die Briefträger der spürbarste Unterschied. "Ich habe jetzt weniger vom Tag. Da muss man sich erst mal dran gewöhnen - aber man kann länger schlafen. Das ist gut", sagt Briefträgerin Sidney Mertens. Ihr Kollege, Henri Van Ael, ergänzt: "Die Nervosität ist hoch, gewohnte Abläufe sind weg, alles wieder auf null. Wichtig ist jetzt meiner Meinung nach, dass wir uns Zeit geben."
So gelassen sahen das nicht alle. Viele Mitarbeiter haben das Unternehmen verlassen, besonders junge Leute, erklärt der Mailcentermanager Ulrich Rauw: "Unsere Mitarbeiter hier in unserer Region sind sehr diszipliniert und sie haben - glaube ich - verstanden, dass das Unternehmen sich umstellen muss. Sie haben sich der neuen Realität gestellt. Ob sie damit hundertprozentig zufrieden sind? Das glaube ich nicht, weil da sehr viel private Organisation dazugehört und da muss man ehrlich sein: das geht nicht von heute auf morgen."
Also: damit Bpost konkurrenzfähig bleibt und die Angestellten ihre Jobs behalten können, müssen sie flexibler arbeiten. Eine andere Lösung gab es anscheinend nicht. "Die alten Produkte fallen weg und wir müssen uns dieser neuen Realität stellen. Die Konkurrenz ist riesengroß und die Verträge mit den Großkunden bieten nur wenig Marge - da geht es oft um Centbeträge; außerdem natürlich auch um die Auslieferung nachts und die großen Player machen da einfach die Regeln für alle Unternehmen."
Auch die Zustellung selbst hat sich verändert. Grob zusammengefasst kommen Briefe und Wurfsendungen jetzt nur noch alle zwei Tage. Die Briefträger fahren an einem Tag durch die Gemeinden Kelmis und Raeren, am nächsten dann durch Eupen und Lontzen. Pakete und Sendungen, die per Barcode verfolgt werden können, werden täglich geliefert.
Briefträger sind jetzt auch Paketboten. Statt einer festen Tour haben die Mitarbeiter zwei. "Nach einer Woche lichtet sich der Nebel", sagt Henri Van Ael. "So langsam wird alles etwas klarer. Vor allem auf meiner neuen Runde - heute bin ich ja noch auf meiner alten. Aber das Handling wird besser, man kennt langsam die Häuser und die Straßen und deren Besonderheiten. Meiner Einschätzung nach ist das für mich machbar."
Durch die neue Struktur hat Bpost eine neue Perspektive für das digitale Zeitalter geschaffen. "Das Business ist natürlich sehr hart, aber wir haben trotzdem riesige Vorteile. Wir haben das Personal, die Infrastruktur und die nötige Informatik, aber vor allem kennen unsere Mitarbeiter die Gegend und die Leute. Wir sind also gut aufgestellt, um der Konkurrenz die Stirn zu bieten und wir hoffen also, dass wir in Zukunft in dem Bereich weiter wachsen können", gibt sich Ulrich Rauw zuversichtlich.
Spannend wird, ob das Unternehmen sich auf dem Markt gegen Billiganbieter durchsetzen kann. Bpost hat die Chance zu beweisen, dass sich Logistik auch ohne Sozialdumping lohnen kann.
Anne Kelleter








