"Jugend ist Silber, Alter ist Gold": Mit diesem Motto ist die Stimmung im Marienheim programmiert. Der Aufenthaltsraum ist prall gefüllt, als die erste ostbelgische Senioren-Olympiade feierlich eröffnet wird. Das große Finale mit Fußball, Basketball und Bogenschießen steigt am Freitag in Kelmis.
Älteste Team-Teilnehmerin des Raerener Marienheims ist Marliese Fatzinger, 94 Jahre alt - und bester Laune. Nervosität gehört für sie trotzdem dazu. Beim Bogenschießen habe sie es "ein bisschen tief" gehalten - aus Angst, statt der Zielscheibe etwas anderes zu treffen. Dabei war die Bilanz beeindruckend: "Bogenschießen hab ich das erste Mal in meinem Leben gemacht hier. Hatte direkt drei Knaller." Vor dem großen Finale gesteht sie dennoch: "Ich glaub, am Freitag bin ich etwas aufgeregt."
Das Programm der Bewohnerinnen und Bewohner ist dicht: Neben Bogenschießen, Fußball und Basketball gehören auch Kegeln und ein "Kopfsache" genanntes Quiz zum Wettbewerb. Vereinsleben ist für Fatzinger nichts Neues - jahrelang war sie im Gesangsverein und bei den Landfrauen aktiv. Sport dagegen spielte in ihrer Jugend kaum eine Rolle. "Das war ja auch nicht möglich." Heute macht sie dafür bei fast allem mit, von Turnen über Singen bis zum Französischkurs.
Claudia Körner vom Marienheim gehört zu den treibenden Kräften hinter der Veranstaltung und zeigt sich überwältigt vom Zuspruch: "Wir wussten ja nicht, was uns erwartet, denn es ist das erste Mal, dass wir so etwas stattfinden lassen." Besonders die Trainingswochen im Vorfeld haben sie berührt. Viele Bewohnerinnen und Bewohner hätten aus Angst zu stürzen zunächst im Sitzen üben wollen - "und plötzlich stehen sie aber und vergessen den Rollator."
Auch Bewohnerinnen und Bewohner im Rollstuhl werden einbezogen. Sie werden von Pflegekräften und Alltagsbegleitern geschoben, die dafür sogar ihre Pausen opfern. Ein Sieg um jeden Preis ist dabei nicht das Ziel, betont Körner - auch wenn die ehemalige Sportlerin in ihr kurz durchblitzt. "Also das Wichtigste ist wirklich, dass alle Spaß haben, Freude haben, vielleicht auch neue soziale Kontakte knüpfen." Es gehe auch darum, zu zeigen, dass ein Leben im Pflegeheim nicht das Ende der Möglichkeiten bedeute. "Das ist nicht immer nur die letzte Station, sondern da geht noch was."
Ob aus der Premiere eine feste Tradition wird? Die Wohn- und Pflegezentren wollen sich nach dem Finale zusammensetzen und auswerten - doch die Richtung ist klar. "Natürlich ist schon angedacht, dass vielleicht auch als traditionsmäßig jedes Jahr so eine Veranstaltung laufen zu lassen."
Ergotherapeutin Emilie Parmentier arbeitet seit 16 Jahren im Marienheim und war von Anfang an dabei. Bereits Ende Januar, kurz nach der Ideenfindung, stand für ihr Haus die Teilnahme fest. Die eigentliche Trainingsphase begann erst vor drei bis vier Wochen. "Wir waren komplett überrascht, mit wie viel Motivation und Ehrgeiz die Bewohner dabei sind."
Auch die Beteiligung am eigentlichen Aktionstag übertraf die Erwartungen deutlich. Beeindruckt zeigt sie sich zudem vom Einsatz des gesamten Personals - sogar der Bürgermeister drehte mehrere Runden mit einzelnen Bewohnerinnen und Bewohnern. Der Fokus bleibt dabei bewusst niedrigschwellig: "Dabei sein ist alles. Wir möchten unseren Bewohnern auch nicht so viel Druck machen."
Besonders eindrücklich ist die Geschichte von Anneliese Duckers - sie kam einst im Marienheim zur Welt und lebt seit knapp einem Jahr wieder dort. Ihre Bedingung damals: "Ich geh zum Heim, wenn ich alles mitmachen kann. Nicht, wenn ich in einem Rollstuhl sitze oder was." Noch heute geht sie ihre täglichen Runden - und zwar zügig: Mit den langsameren Mitbewohnerinnen mag sie nicht mithalten, lieber läuft sie allein und gibt bei der Senioren-Olympiade mächtig Gas.
Christophe Ramjoie





