Es ist ein gewohntes Bild auf Ostbelgiens Straßen: Stoßverkehr in Richtung Aachen oder zur luxemburgischen Grenze. Über 10.000 Ostbelgier pendeln täglich von Ostbelgien nach Luxemburg oder Deutschland. Die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft und die regionalen Arbeitgeberverbände starten jetzt die Kampagne "Pendeln neu rechnen".
Ziel ist es, Grenzgängern die Vorzüge des heimischen Arbeitsmarktes schmackhaft zu machen. "Weil diese Zielgruppe der Pendler für uns sehr interessant ist, weil sie einerseits hier leben, die Region also kennen und schätzen, aber andererseits auspendeln, haben wir diese Kampagne entworfen, um diesen Menschen zu zeigen, dass es auch in Ostbelgien attraktive berufliche Möglichkeiten gibt", erklärt Joëlle-Anna Janssen, Referentin für Standortkommunikation im Ministerium der DG.
Nun sind die harten Standortfaktoren wie Gehalt und Steuerlast, wie sie sind. Aber Pendlerinnen und Pendler werden eingeladen, für sich selbst auszurechnen, ob sich der Weg ins Nachbarland unterm Strich wirklich lohnt. Denn manchmal bietet der heimische Arbeitsmarkt auch Vorteile, die man gar nicht mit einkalkuliert, so Ministerpräsident Oliver Paasch.
"Wie zum Beispiel die Tatsache, dass es in Belgien ein 13. Monatsgehalt gibt oder auch dass die Arbeitszeiten anders gestaltet werden. Wir haben hier üblicherweise die 38-Stunden-Woche. In Luxemburg sind es 40. Es macht also Sinn, diese Rechnung für sich selbst noch einmal zu machen."
Die persönliche Rechnung, ob sich der lange Arbeitsweg ins Ausland überhaupt noch lohnt, muss seit diesem Sommer neu geschrieben werden. Grund dafür ist eine neue gesetzliche Regelung, die im Juni in Kraft getreten ist. Sie verändert die Rahmenbedingungen für Grenzgänger - sowohl steuerlich als auch organisatorisch.
Vollzeitbeschäftigte können bis zu 360 freiwillige Überstunden pro Jahr leisten. Für 240 dieser Stunden gilt das Prinzip "Brutto ist gleich netto". Sie werden ohne Lohnzuschlag, Sozialabgaben und Berufssteuervorabzug ausbezahlt, wenn sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einigen. Es ist eine Win-Win-Situation. Beschäftigte können damit ihr Nettoeinkommen erhöhen, während Unternehmen zusätzliche Flexibilität erhalten.
Gerade für Pendler kann sich das lohnen, sagt Standortreferentin Joëlle-Anna Janssen. "Laut einer Umfrage des Personaldienstleisters SD Works sind Belgier im Schnitt eine Stunde am Tag unterwegs auf ihrem Arbeitsweg. Auf ein Jahr gerechnet, sind das 220 Stunden. Und diesen 220 Stunden stehen nun 240 hochbezahlte freiwillige Überstunden gegenüber."
Für die ostbelgische Wirtschaft ist das eine riesige Chance. Die Botschaft der Kampagne: Ein Job in der Heimat spart nicht nur Lebenszeit und schont die Nerven im Stau, sondern ist durch die neuen Regeln auch finanziell wieder ein echter Konkurrent zum Ausland geworden. Ob die Kampagne ausreicht, um das tief sitzende Pendler-Verhalten in der Region nachhaltig zu verändern, bleibt abzuwarten. Die Arbeitgeber zeigen sich jedenfalls kämpferisch, die Fachkräfte im Land zu halten, so Samuel Deneffe, stellvertretender Geschäftsführer der Wirtschaftsvertretung AVED-IHK Ostbelgien.
"Der Standort Ostbelgien ist aus Arbeitnehmersicht oft ein wenig unterbewertet, weil die harten Standortfaktoren nicht in unserer Hand liegen. Und dennoch haben wir Standortfaktoren, die eindeutig eine Rolle spielen können. Die Betriebslandschaft, die wir haben, mit wirklich einigen 'Hidden Champions', also Betrieben, die unbekannt sind, aber weltweit führend sind und dementsprechend auch sehr interessant für zum Beispiel junge Leute oder eben Arbeitnehmer sind, die in ihrem Sektor sich entwickeln möchten oder eben international tätig sein möchten."

Daniel Pavonet, Vertreter der Mittelstandsvereinigung in Ostbelgien, fügt hinzu: "Es geht nicht darum, einen auswärtigen Standort schlechtzureden. Entscheidend ist die persönliche Jahresrechnung. Was verdiene ich, wie viel arbeite ich dafür, wie viel Zeit verbringe ich auf dem Weg zur Arbeit und welche zusätzlichen Kosten und Leistungen kommen hinzu? Diese Rechnung kann für jeden Menschen anders aussehen."
Die Kampagne "Pendeln neu rechnen" soll crossmedial geführt werden. Radio-Spots sollen zum Beispiel dann laufen, wenn Pendler im Auto sitzen. Plakate findet man auf Pendlerstrecken. Ein Werbebotschafter ist Raphael Heck aus Bütgenbach-Berg, der 25 Jahre lang nach Luxemburg gependelt ist, seit zwei Jahren aber in Worriken arbeitet.
Manuel Zimmermann