Armut von Kindern und Jugendlichen beschränkt sich bei weitem nicht aufs Geld. Also entschieden sich die Macher der Studie für den Begriff Prekarität, denn im Laufe der Erhebung wurde deutlich: Neben dem finanziellen Gesichtspunkt haben auch der soziale und der emotionale große Bedeutung. Die soziale Komponenten bezeichnet Caroline Mathieu, die Studienbeauftragte des Wirtschafts- und Sozialrates der Deutschsprachigen Gemeinschaft, dabei angesichts der Studienergebnisse als die größte Herausforderung.
"Da sind Aspekte bei, die nicht unbedingt sichtbar sind, also die fehlende Teilhabe an der Gesellschaft, an Aktivitäten, die alle Kinder normalerweise machen müssten", sagt Mathieu. Und die soziale Prekarität beziehe sich auch auf Aspekte, "die zum Beispiel mit der psychischen Gesundheit zu tun haben." Dort gebe es ebenfalls große Herausforderungen, die nicht einfach zu identifizieren seien, erklärt sie.
35 Mitarbeiter von Diensten und Organisationen, die täglich in der Kinder- und Jugendarbeit tätig sind, wurden im Rahmen der Studie mit Hilfe von sogenannten Leitfadengesprächen befragt. Darunter etwa Bedienstete des Jugendbüros, von Kaleido oder mehrerer ÖSHZ. Alle Befragten gaben an, in ihrer Arbeit mit Kinder- und Jugendprekarität konfrontiert zu werden - mehr als die Hälfte sogar täglich. Repräsentativ ist die Erhebung nicht, aber sie liefert Hinweise, Anregungen und Handlungsempfehlungen - vor allem auch für die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft.
"Der Bericht fordert keine Kurskorrektur, sondern er fordert uns auf, in unseren Bemühungen im Kampf gegen Prekarität nicht nachzulassen und zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen. Das nimmt die Regierung sehr ernst", so Ministerpräsident Oliver Paasch.
Fehlende Ressourcen und Überlastung
Aber der Bericht macht auch deutlich: Es gibt in der DG zwar zahlreiche Maßnahmen und Dienste zur Bekämpfung von Kinder- und Jugendprekarität, aber diese sind teilweise deutlich überlastet und/oder stoßen finanziell und personell an ihre Grenzen. Zudem wird eine bisweilen mangelnde Vernetzung und eine Unüberschaubarkeit bemängelt.
"Aufgrund der fehlenden Ressourcen vor allem, der Überlastung der Dienste und manchmal auch von fehlenden Angeboten zum Beispiel im Bereich der psychischen Gesundheit ist noch viel zu tun. Es fehlen wirklich Plätze, Angebote, Fachleute, die den Kindern und den Jugendlichen richtig helfen könnten", erläutert Caroline Mathieu.
"Ich bin eigentlich sehr dankbar dafür, dass kritische Punkte zunächst einmal recherchiert und dann auch offen angesprochen werden", sagt Paasch. "Nur so können wir lernen, nur so können wir uns weiter verbessern. Und deshalb werden wir jetzt auf der Grundlage dieses Berichts, aber auch anderer Erkenntnisse, die uns vorliegen, im Rahmen unserer Möglichkeiten schauen, wo wir Wartelisten abbauen und wo wir unsere Angebote weiter verbessern können", so der Ministerpräsident.
Der Bericht des Wirtschaft- und Sozialrates zur Prekarität bei Kindern und Jugendlichen kommt zu vier grundlegenden Handlungsempfehlungen: Chancengleichheit gewährleisten, Beratung und Begleitung von Kindern und Familien stärken, Integration und soziale Mischung fördern sowie Kommunikation und Zusammenarbeit verbessern.
Thema betrifft und beschäftigt alle vier Minister
Kinder- und Jugendprekarität betrifft so gut wie alle Lebensbereiche, macht der Bericht deutlich. Dementsprechend beschäftigt das Thema auch alle vier DG-Minister.
"Ich glaube, wir haben ein sehr starkes Netz an sozialen Organisationen in Ostbelgien. Wir haben ÖSHZ, die die verschiedenen Familien sehr eng begleiten. Nichtsdestotrotz ist ein Kind immer der Spiegel der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Und dementsprechend gibt es steigende Bedarfe. Das kann man nicht wegreden", sagt Sozialministerin Lydia Klinkenberg.
"Der Bericht enthält auch einige kritische Anmerkungen zu politischen Entscheidungen. Diese Hinweise nehme ich selbstverständlich ernst", so Klinkenberg. "Gleichzeitig müssen wir die Gesamtsituation betrachten. Die Regierung hat sich bewusst dafür entschieden, verfügbare Mittel verstärkt in strukturelle Maßnahmen zu investieren, die Kindern nachhaltig und dauerhaft zugutekommen."
Ihr Kollege Gregor Freches äußerte sich unter anderem zur Chancengleichheit und zur gesellschaftlichen Teilhabe im Bereich Jugend, Sport und Kultur. "Dabei geht es aus meiner Sicht nicht nur um die Frage, ob ein Angebot vorhanden ist, denn das sagt der Bericht auch ganz klar. Sondern es geht vor allem darum, ob Kinder und Jugendliche es tatsächlich erreichen und nutzen können - unabhängig von der sozialen und finanziellen Situation", so Freches.
Dem WSR-Bericht zufolge zählt die Bildungsprekarität zu den häufigsten Formen der sozialen Kinderprekarität und wird demnach oft von Eltern an ihre Kinder "weitergegeben". Die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Untersuchung hätten zum Ausdruck gebracht, so Unterrichtsminister Jérôme Franssen, dass "die Chancengleichheit in der Deutschsprachigen Gemeinschaft im Vergleich sehr gut ist, was nicht bedeutet, dass wir nicht auch weiterhin Herausforderungen haben."
Moritz Korff