"O schaurig ist's über's Moor zu gehn" - die berühmten Worte von Annette von Droste-Hülshoff stammen zwar nicht aus dem Hohen Venn. Und doch scheinen sie in diesen Tagen eine besondere Aktualität zu bekommen. Wo sonst Nebel über der Heide liegt, Wasserläufe durch das Moor ziehen und der Wind über die Hochflächen streicht, bestimmen Rauch, Flammen und Asche das Bild.
Was heute geschieht, erinnert unweigerlich an den Sommer 1911. Damals herrschten ebenfalls außergewöhnliche Hitze und Trockenheit. Am 1. August brach ein Feuer aus, das sich über große Teile des Hohen Venns ausbreitete und über Wochen immer wieder aufflammte.
Mehr als 2.000 Menschen - darunter belgische und preußische Soldaten sowie zahlreiche Zivilisten - kämpften gegen die Flammen. Ihre Mittel waren einfach: Schaufeln, Besen und von Hand angelegte Brandschneisen. Doch der Wind trieb das Feuer immer wieder weiter. Auch damals brannte das Venn nicht nur an der Oberfläche. Trockene Torfschichten konnten unterirdisch weiterglimmen.
Die damaligen Berichte vermitteln ein erschütterndes Bild. Das brennende Venn wurde mit einem Vulkanausbruch und sogar mit Dantes "Hölle" verglichen. Die Katastrophe war so gewaltig, dass sie zu einem Ereignis wurde, das weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit erregte. Rund 4.000 Hektar Heide- und Waldfläche wurden damals zerstört.
Vielleicht ist es gerade diese Erinnerung, die den heutigen Brand so bedrückend macht. Das Hohe Venn ist keine gewöhnliche Waldfläche. Es ist eine einzigartige Moor- und Heidelandschaft, ein Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere und zugleich ein Stück Heimat - auf beiden Seiten der Grenze.
1911 zeigte die Katastrophe, wie verletzlich dieses Naturgebiet ist. Sie trug auch dazu bei, dass der Gedanke an den Schutz des Hohen Venns stärker ins Bewusstsein rückte. Heute, 115 Jahre später, erleben wir erneut, wie schnell sich dieses scheinbar unberührbare Landschaftsbild verändern kann.
Noch ist nicht abzusehen, welche Spuren der Brand von 2026 hinterlassen wird. Sicher ist nur: Das Venn wird nach diesem Feuer anders aussehen. Doch Landschaften können sich erholen. Moor, Heide und ihre Pflanzenwelt haben eigene Kräfte der Regeneration. Was verbrannt ist, kommt nicht einfach zurück - und manche Schäden werden Jahrzehnte sichtbar bleiben. Aber aus der Asche wird neues Leben entstehen.
Vielleicht liegt darin auch die wichtigste Erinnerung an 1911: Eine Katastrophe kann ein Ende bedeuten, aber sie kann zugleich ein Anfang sein. Damals führte der Brand zu einem neuen Bewusstsein für den Schutz des Venns. Heute stehen wir erneut vor der Frage, wie wir mit dieser einzigartigen Landschaft umgehen wollen.
Das Feuer macht sichtbar, was sonst leicht vergessen wird: Das Hohe Venn ist nicht selbstverständlich. Es ist kostbar, verletzlich - und es gehört zu einer gemeinsamen Heimat auf beiden Seiten der Grenze.
Christophe Ramjoie







