Bei einem Streifzug durch die Stadt trifft man überall auf Bauwerke von Charles Thirion (1838-1920). Im Zentrum ist das Grand Théâtre wohl das bekannteste. Oben auf den Anhöhen liegt ein weiteres monumentales Bauwerk Thirions: die Kirche Sainte-Julienne. In nur einem Jahr soll er das Gotteshaus gebaut haben. Der äußerst produktive Architekt hat jeden Auftrag angenommen, heißt es, ob aus öffentlicher oder privater Hand.
Zu seinen großen Bauten gehört auch der ehemalige Sitz der Nationalbank in Verviers gegenüber vom Bahnhof Palais. Und gleich um die Ecke trägt ein ganzer Straßenzug seine Handschrift: die Rue Laoureux. "Wir sind hier in der ersten Stadterweiterung.", erklärt der angehende Stadtführer Andy Raxhon. "In den 1870er Jahren brauchte man südlich der Altstadt neue Häuser. Diese Bürgerhäuser hat Charles Thirion gebaut. Sie waren für die Industriellen und Geschäftsleute der Textilunternehmen."
Eine solch geschlossene Einheit von Häusern des 19. Jahrhunderts ist eine Besonderheit. Deshalb wollten die Stadtverantwortlichen das Viertel bei der Unesco vor einigen Jahren sogar als Weltkulturerbe anerkennen lassen. Doch die neue Ratsmehrheit hat den Plan nicht weiter verfolgt.
Dutzende Häuser von Charles Thirion stehen überall in der Stadt verteilt. Im Rahmen der zweiten Stadterweiterung zum Süden hin entstanden vor allem auf den grünen Anhöhen prächtige Villen - wie an den Avenuen in Heusy, zum Beispiel die Villa Voos. "Dort sieht man, dass die Reichen im Zuge der Industrialisierung in Verviers Fuß fassten und einen Anspruch an Fläche hatten, wo sie ihre großen Villen mit parkähnlichen Gärten haben wollten. Die Villa Voos ist ein Beispiel dafür, wie Thirion das umgesetzt hat", sagt Andy Raxhon.
Nicht alle Prachtbauten aus der Blütezeit der Stadt Verviers sind erhalten, manche abgerissen, andere haben eine neue Zweckbestimmung gefunden - wie die Clinique Peltzer, die einst eine Privatvilla war und heute eine Ausbildungsstätte für Pflegepersonal ist.
Ein großes Bauprojekt hat Charles Thirion nicht mehr selbst realisieren können: den Bahnhof von Verviers. Thirion starb 1920, nachdem er die ersten Pläne für die "Gare Centrale" gezeichnet hatte. Sein Sohn Carlos vollendete den Bau des Bahnhofs, der 1930 eröffnet wurde.
Michaela Brück











