Wer den Friedhof von Verviers besucht, kann sich auf eine ausgedehnte Wanderung freuen. Zehn Hektar umfasst der Friedhof auf den Anhöhen von Verviers. 1831 wurde er nach den großen Vorbildern von Paris und Wien angelegt. Der aus Hergenrath stammende Andy Raxhon ist von der Geschichte des Friedhofs begeistert.
"Im 19. Jahrhundert war Verviers eine sehr aufstrebende Stadt. Vor allem industriell. Verviers ist auch der Ort in Belgien, wo die industrielle Revolution angefangen hatte. Mit Cockerill kamen die Maschinen und mit den Maschinen auch die Fabriken und so wuchs das Ganze in Verviers und Umgebung."
Gleich am Anfang treffen wir auf die Ruhestätte von dem Geigen-Virtuosen Henry Vieuxtemps. Ein absoluter Megastar seiner Zeit. "Er hat überall auf der Welt getourt, in Russland, er war mehrere Male in den USA. Das war für das 19. Jahrhundert eine sehr große Herausforderung, überhaupt diese Reise anzutreten", erzählt Andy Raxhon. Selbst in Sankt Petersburg hat er Spuren hinterlassen. "Ja, dort hat er eine Akademie gegründet und dort lernt man heute noch nach Henry Vieuxtemps Geige spielen."
Der Friedhof von Verviers folgt einer eigenen Ordnung. In nummerierten Alleen gibt es die Viertel der Bürgermeister, der Künstler und jene der Tuchindustriellen. Ein recht bescheidenes Grabmal in der "Allee der Bürgermeister" erinnert an den Stadtvater Jean-François Ortmans (1807-1882), den Initiator der Gileppe-Talsperre.
"Also er hat dafür gesorgt, dass Verviers mit Wasser versorgt werden konnte. Bevor es die Gileppe gab, war man vom Wasserstand der Weser abhängig. Im Winter hatte man zu viel Wasser. Im Sommer hatte man manchmal zu wenig. Und damit man ständig unter denselben Bedingungen arbeiten konnte, hat man diese Talsperre bauen lassen. So konnten die Fabriken und später auch die Privathaushalte ständig mit genügend Wasser versorgt werden." Damit war Verviers belgienweit Vorreiter in Bezug auf die industrielle Wasserversorgung. Für die Tuchmacher war das ein bedeutender Wettbewerbsvorteil.
Zu den größten Tuchindustriellen gehörte die Familie Biolley. Das Mausoleum der Familie umfasst mehr als 50 Nischen - damit ist es das größte Grabmal auf dem Friedhof von Verviers. Bis heute ist der Name Biolley in Verviers fest verankert.
"Die Familie Biolley hat sehr viel in Maschinen investiert, aber sie hat sich auch für ihre Arbeiter eingesetzt. Das war ja auch etwas ganz Neues für die Zeit damals. Die zugezogenen Arbeiter brauchten ihren Platz, ihre Wohnungen, ihre Häuser. Die Familie hat sich dafür eingesetzt, dass es den Arbeitern gut geht. Das war damals auch ein Aushängeschild, dass sich der Textilindustrielle auch um seine Arbeiter kümmert und nicht nur den Profit daraus zieht", erzählt Andy Raxhon. Die letzten Beisetzungen im Mausoleum der Biolleys haben in den 1990er Jahren stattgefunden. Dabei sind einige Nischen noch frei…
Einer der prägendsten Architekten von Verviers war Charles Thirion (1838-1920). Er schuf den Bahnhof von Verviers oder auch das Grand Théâtre. Seine letzte Ruhestätte ist hier zu finden. Doch zu Lebzeiten war Charles Thirion auch für die Gestaltung zahlreicher Grabmäler verantwortlich. So auch für die Gruft der Familie Hazeur-Simony.
Das Grabmal diente auch als Drehort, verrät Andy Raxhon: "In den 90ern gab es die Kinderfilmserie 'Der Kleine Vampir'. Da hat man sich diesen Friedhof hier ausgesucht, um die Friedhofszenen zu drehen. Und genau diese Gruft war dann damals das Grab der Familie von Rüdiger von Schlotterstein."
Und so ist der Friedhof von Verviers eine Einladung an alle, die Geschichte der Stadt kennenzulernen: von den großen Tuchindustriellen bis hin zu Künstlern und Architekten, die bis heute die Stadt prägen. Geschichte bleibt damit lebendig.
Wer sich selbst auf die Spuren der Stadtgeschichte begeben möchte, kann den Friedhofsparcours "Le Parcours du Cimetière" im Tourist-Info der Stadt Verviers kostenlos abholen. Das kleine Heft ist auch online abrufbar.
Auch weitere interessante Guides stehen auf der Webseite vom Pays de Herve zum Download bereit.
Simonne Doepgen





















