Wenn Manfred Schultz auf die Geschichte des Luftsportvereins Aachen zurückblickt, hat er einige Anekdoten zu erzählen. Zum Beispiel die von seinem ersten Windenstart. Den erlebte der damals Dreijährige Anfang der 1950er Jahre auf dem Schoß seines Vaters Helmuth. Mit 14 Jahren flog Manfred Schultz dann zum ersten Mal selbst. Die erste Winde des Luftsportvereins Aachen hatten Helmuth Schultz und einige seiner Kollegen damals selbst gebaut.
"Sie hatte einen Motor mit rund 120 PS. Nur auf zwei Rädern. Das war also ausbalanciert, und um die Winde zum Start zu bringen, musste die über die Straße, die nach Broichweiden führt, dann zum Flugplatzende gebracht werden, und das wurde dann per Hand gemacht", erinnert sich Manfred Schulz.
Auch das Windenseil musste per Hand und mit tatkräftiger Unterstützung zum Flugzeug gezogen werden - heute kommt zu diesem Zweck ein Rückholfahrzeug zum Einsatz.
Gegründet wurde der LVA im Juli 1926 - Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sahen damals in der Luftfahrt die Zukunftstechnologie. Der Verein wuchs schnell - 1931 entstand sogar die erste Flugschule. Doch schon bald folgte ein dunkles Kapitel: Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten wurde der LVA gleichgeschaltet und später in das Nationalsozialistische Fliegerkorps überführt - mit dem Kriegsbeginn endete vorläufig die private, zivile Luftfahrt.
1950 wurde der Verein dann neu gegründet. Bis die Segelflieger am Flugplatz Merzbrück aber wieder abheben durften, sollten noch zwei Jahre vergehen. In den 50er Jahren übernahm zudem das belgische Militär die Kontrolle am Flugplatz Merzbrück.
"Wir hatten mit dem belgischen Militär eine sehr gute Beziehung", erklärt Manfred Schultz. "Irgendwann wurde es zum Beispiel Vorschrift, dass im Schulbetrieb beim Segelflug Fallschirm getragen werden muss. Der damalige Kommandant de Roos war so nett zu uns, dass wir dann die Fallschirme vom Militär am Wochenende geliehen bekamen, damit wir mit der Segelflugausbildung weitermachen konnten."
Doch nicht alles lief rund mit dem belgischen Militär. Nach einem Unfall mit einem Stahlseil verboten die Belgier dem LVA die Windenstarts.
"Es gab einmal einen Seilriss, das waren damals noch Stahlseile. Da ist der Schirm des Seils abgetrieben worden und auf eine Hochspannungsleitung gefallen und dann war die ganze belgische Kaserne ohne Strom. Daraufhin hat dann der Kommandant gesagt: 'Ab jetzt keine Windenstarts mehr, nur noch Flugzeugschlepp.' Dann haben wir jahrelang nur noch Flugschlepp gemacht."
Den nächsten Windenstart am Flugplatz Merzbrück gab es dann erst wieder im Jahr 2021 - damals wurde der Flugplatz neu gestaltet und auch die Startbahn verlängert. Zum Einsatz kommt nun eine elektrische Winde. Selbstverständlich wird die auch von Manfred Schultz regelmäßig bedient.
Auch der 14-Jährige Florian Dahlen aus Eupen kommt mit Starthilfe von Manfred Schultz in die Luft. Kurz nach seinem 14. Geburtstag nahm er seine erste Flugstunde beim LVA. Sein großer Traum ist es, eines Tages Pilot zu werden.
"Manfred hat mir schon so einiges beigebracht. Zum Beispiel zeigt er mir auf dem Platz auch, wie man Auto fährt. Auf dem Privatgelände darf man natürlich auch dabei helfen, die Seile zu holen. Außerdem zeigt er mir, wie das hinten mit der Winde funktioniert und wie die Flugzeuge geschleppt werden. Das ist schon cool", erklärt Florian.
Ein Jahrhundert Vereinsgeschichte, unzählige Starts und Landungen - doch die Begeisterung fürs Segelfliegen bleibt ungebrochen.
Am 10. Oktober wird der LVA sein 100-jähriges Jubiläum bei einem Fest ausgiebig feiern. Außerdem hat der Verein auf seiner Webseite eine digitale Chronik veröffentlicht, in der die Entwicklung des Vereins im Detail aufgelistet ist. Gezeigt werden auf der Webseite auch restaurierte und kolorierte Fotos aus 100 Jahren Vereinsgeschichte.
Lindsay Ahn



