Susanne Bell ist im Kreis Ahrweiler aufgewachsen, wenn auch nicht im Ahrtal selber. Aber sie sei da zur Schule gegangen, sagt sie, und sie kenne die Menschen dort. Für ihre Masterarbeit und nun für ihre Dissertation ist sie in deren Lebenswelt zurückgekehrt - mit einem ethnographischen Ansatz.
"Ich bin von der Soziologie, der Wissenschaft der Gesellschaft großer Menschenmengen, gewechselt in die Humangeographie, wo man sich den Menschen in seiner räumlichen Verortung anschaut. Ich schaue mir die Menschen im Ahrtal an und was es für die Menschen ausmacht, an diesem Ort zu leben, unter der Voraussetzung, dass da eine Flutkatastrophe stattgefunden hat, die die Region als Ganzes prägt."
"Es gibt viele unterschiedliche Wege, damit umzugehen"
Im Vordergrund steht die Frage, wie die Menschen auf Dauer ihren Alltag bewältigen, ihr Leben neu aufbauen, vielleicht auch woanders. In den ersten Wochen nach der Flut war Susanne Bell im Ahrtal noch als Helferin unterwegs. Später kam sie als Fahrradtouristin wieder, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.
"Ich bin im ersten Jahr nach der Flut zu Begegnungsstätten gefahren, wo Menschen zusammenkommen, die vielleicht gerade darüber mal reden wollen oder über alles Mögliche. Dadurch, dass ich einfach Interesse gezeigt habe und Empathie, haben immer alle sehr positiv reagiert. Ich habe mich auch zurückgehalten mit Detailfragen. Ich frag jetzt niemanden: 'Und, wie war deine Flutnacht?' Das wäre viel zu aufwühlend. Aber ich habe dann viele Geschichten aus dieser Nacht erzählt bekommen und wie es danach weitergeht."
Dabei stellte sie fest, dass es für die Betroffenen nicht das eine Problem gibt, sondern viele verschiedene. Und dass es viele unterschiedliche Wege gibt, damit umzugehen. "Die sind mal besser, mal schlechter", sagt Susanne Bell.
"Mal sind es eher temporäre Lösungen, die vielleicht auch Folgeprobleme erzeugen. Aber alle Menschen finden irgendwelche Wege, damit umzugehen, oder die allermeisten zumindest. Ich habe jetzt auch eher mit den Menschen gesprochen, denen es damit tendenziell besser geht, aber auch die sind sehr belastet. Es gibt nicht den einen richtigen Lösungsweg, es gibt nicht den einen richtigen Umgang damit, sondern eine Art Werkzeugkasten, in dem sich jeder Mensch bedienen kann."
Klimaresilienz und soziale Gerechtigkeit
Die Arbeit von Susanne Bell ist mittlerweile Teil des interdisziplinären Forschungsprojekts SOZIAHR. Beteiligt sind daran auch beispielsweise Wirtschaftswissenschaftler und Juristen.
"Wir werden mit verschiedenen Fachbereichen zusammen versuchen, möglichst gute praxisorientierte Lösungsvorschläge zu entwickeln, Handlungsempfehlungen für Politik und Verwaltung: wie man Regelungen im Wiederaufbau besser gestalten kann, wie man gute Anreize setzen kann, damit Personen für sich besser durch so eine Krise kommen können, aber dann vielleicht obendrauf auch noch Klimaschutz und Klimaanpassungsmaßnahmen mitdenken. Das ist ein wichtiger Teilbereich von unserem Projekt." Und, so hofft Susanne Bell, es könnte zu mehr sozialer Gerechtigkeit beitragen.
Stephan Pesch