Seit Kurzem ist Guido Orthen Mitglied des rheinland-pfälzischen Landtags. Bis dahin war er 16 Jahre lang Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auch in der Nacht, als das Wasser meterhoch in den Straßen stand. "Man ist ja wie in Schockstarre und weiß in der Situation gar nicht, welche Folgewirkungen das, was man vor sich sieht, an anderer Stelle hat."
Diese Hilflosigkeit zu erfahren, sei für ihn, aber auch die Rettungskräfte eine echte Herausforderung gewesen. Im Nachhinein stellte sich dann in Bad Neuenahr-Ahrweiler wie an vielen anderen Orten die Frage, wie das hätte vermieden werden können. "Es lässt sich sicher vermeiden, dass Menschen sterben", sagt Guido Orthen, "indem sehr frühzeitig über alle Kanäle gewarnt wird."
Orthen: "Wer nicht mit dem Risiko leben kann, muss wegziehen"
Dafür sind mittlerweile die Voraussetzungen geschaffen. Aber Schäden würden sich nie ganz vermeiden lassen, so Orthen. "Wir werden resilienter aufbauen, aber es wird immer bei ähnlichen Ereignissen größere Sachschäden geben. Uns ist wichtig, dass wir Menschenleben retten und Leben und Gesundheit der Menschen schützen."
Aus Sicht von Guido Orthen müssten die Bewohner solcher Täler aber auch eigenverantwortlich damit umgehen. "Das habe ich als einer der ganz wenigen von Anfang an den Menschen gesagt: 'Wer mit einem solchen Risiko nicht leben kann, der muss aus diesem Tal wegziehen.' Ich weiß nicht, ob es alle verstanden haben, denn die meisten sind geblieben und es kommen noch immer welche ins Tal. Aber das ist eigenverantwortlich. Das ist eine Entscheidung, die man für sich treffen muss. Und man kann nicht darauf hoffen, weil es auch nicht möglich ist, dass der Staat einem absoluten Schutz gewährt."
Immerhin kann die öffentliche Hand dabei helfen, wieder aufzubauen. In Bad Neuenahr-Ahrweiler ist dafür Hermann-Josef Pelgrim zuständig, als Geschäftsführer der Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft. "Wiederaufbau eins zu eins unternehmen wir nicht, sondern wir müssen den Wiederaufbau so bewältigen, dass ein künftiges Flutereignis nicht zu gleichem Schaden führt. Wir weiten den Fluss aus, wir bauen neue Brücken mit viel größeren Spannweiten oder gleich als Hubbrücken, sodass sie aus dem Hochwasser rausgehoben werden können."
Baumaßnahmen werden noch Jahre dauern
Auf der anderen Seite sollen Uferböschungen nicht etwa erhöht, sondern verschiedene Flächen sogar abgesenkt werden. "Sehr häufig befinden sich in Flussnähe ja Parkanlagen oder uferbegleitende Radwege, mit etwas Abstand zu Siedlungen. Diese Räume wollen wir nutzen, um dem Fluss mehr Platz zu geben. Natürlich brauchen wir auch technischen Hochwasserschutz, aber die Folgen, die dann aus einem Flutereignis entstehen, werden minimiert."
Wegen der komplizierten Genehmigungs- und Abstimmungsverfahren brauche das aber viel Zeit, sagt Hermann-Josef Pelgrim. "Wir haben die Planungen nahezu abgeschlossen, sind bereits in der Bauphase für das ein oder andere Projekt. Bei einem Gesamtvolumen von ungefähr 650 Millionen Euro, das wir im Stadtgebiet zu bewältigen haben, und bei rund hundert Millionen, die wir im Jahr umsetzen können, müssten wir in den nächsten fünf Jahren durch sein - mit dem Bauen!"
Der frühere Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler stellt sich sogar noch auf etwas mehr ein. "Wir haben vielleicht ein Drittel der Wiederaufbau-Wegstrecke genommen", sagt Guido Orthen. "Die eigentlichen Aufbauphasen, insbesondere im Tiefbau, also bei Straßen und Brücken, werden noch kommen. Die Gebäude sind alle im Bau, aber Straßen, Kanäle, Brücken - das ist noch eine echte Herausforderung. Das wird noch etwa acht bis zehn Jahre dauern."
Stephan Pesch





