Die tropischen Gewächshäuser des Observatoire du Monde des Plantes haben sich in einen lebendigen Mini-Dschungel verwandelt. Wer das Tropengewächshaus betritt, den trifft zuerst die feucht-warme Luft - und dann ein optischer Rausch: Ein lebendiges Farbenmeer aus knalligem Orange, tiefem Samtschwarz und fast metallischem Blau tanzt durch die Luft. Die Sonderausstellung "Papillons en liberté" (Schmetterlinge in Freiheit) ist ein Gemeinschaftsprojekt des Insektariums Hexapoda und der Universität Lüttich.
Heimische Zitronenfalter sucht man hier allerdings vergeblich, wie Animator Arnaud Campion erklärt: "Es sind ganz bewusst keine Schmetterlinge aus unserer Region. Die Aussteller möchten den Besuchern Arten zeigen, die man bei uns im Garten nicht zu Gesicht bekommt. [...] Man müsste also eigentlich mehrmals kommen, um die ganze Vielfalt zu erleben."
Aktuell fliegen rund 20 verschiedene Tropenschmetterlinge durch das Glashaus. Da die Ausstellung insgesamt vier Monate läuft, werden im Laufe der Zeit bis zu 50 verschiedene Arten dort leben.
Das Wunder der Metamorphose
Wer genau hinsieht, entdeckt zwischen den dichten Pflanzen kleine, unscheinbare Kokons: die sogenannten Chrysaliden. Diese Schmetterlingspuppen hängen wie leblose braune Blätter oder glänzende Tropfen von den Zweigen. Mit etwas Geduld und Glück können Besucher hier hautnah miterleben, wie eine Hülle aufbricht und ein neuer Schmetterling seine noch feuchten Flügel entfaltet.
Doch die Ausstellung will nicht nur staunen lassen, sondern auch mit Vorurteilen aufräumen. Viele Menschen haben nach wie vor Berührungsängste bei Insekten. Dabei sind die Schmetterlinge unverzichtbar für das Ökosystem, betont Campion. "Wie fast alle Insekten sind auch Schmetterlinge extrem wichtige Bestäuber. Wenn sie von Blüte zu Blüte fliegen, um Nektar zu saugen, transportieren sie den Pollen. Insekten erledigen 80 Prozent aller Bestäubungen weltweit!"
Harmlose Riesen und aggressive Winzlinge
Tatsächlich sind Schmetterlinge für den Menschen völlig harmlos. Sie können nicht einmal kauen, sondern nehmen ihre Nahrung - darunter Blütennektar, Baumsäfte oder den Saft von gärendem Fallobst - ausschließlich flüssig über einen hauchdünnen Saugrüssel auf.
Weil sie so wehrlos sind, setzen einige Arten auf optische Täuschung. Der riesige Eulenschmetterling zeigt beim Schließen der Flügel eine Unterseite, die exakt wie der Kopf einer Schlange aussieht - ein perfekter Schutz gegen Feinde. Doch die schiere Größe ist im Gewächshaus nicht alles. "Die kleinen Schmetterlinge sind extrem revierbezogen. Man kann hier richtige Luftkämpfe und Verfolgungsjagden beobachten, bei denen die Winzlinge die großen Schmetterlinge quer durchs Gewächshaus jagen."

Ein Weckruf für den Artenschutz
Da es sich um sensible Tropentiere handelt, findet die Zucht nicht vor Ort statt. Die empfindlichen Puppen werden angeliefert. Erst im Laufe des Sommers werden die Schmetterlinge im Gewächshaus auch eigene Eier ablegen.
Am Ende ist der Besuch in Sart-Tilman mehr als nur ein Ausflug in eine bunte Kulisse. Die Ausstellung versteht sich auch als Weckruf, denn die Insektenbestände schrumpfen weltweit dramatisch. Die bunten Falter sollen als Botschafter fungieren. "Die Studienlage ist eindeutig. Es gibt immer weniger Insekten. Aber wir merken: Wer diese bunte Pracht hier einmal hautnah erlebt hat, geht mit ganz anderen Augen durch die Welt. Viele bekommen Lust, im eigenen Garten wieder wilde Ecken und Blumenwiesen für Insekten stehenzulassen."
Noch bis zum 18. Oktober fliegen die tropischen Schönheiten im geschützten Raum der Lütticher Gewächshäuser - ganz ohne natürliche Feinde wie Meisen oder Fledermäuse. Für die Besucher bleibt es ein magischer, lautloser Moment im warmen Dschungel.

Manuel Zimmermann







