"Sofort?", fragt mich mein Vater am Telefon. "Ja, wir kommen dich jetzt abholen. Pack das Nötigste ein!"
Was ist eigentlich das Nötigste? Besonders dann, wenn Hochwasser droht und man sich das wahre Ausmaß noch nicht vorzustellen vermag. "Zahnbürste - Pyjama, Hausschuhe, ach mein Handtuch", höre ich meinen Vater sagen ... "und meinen Waschlappen brauche ich noch!"
Meine Gefühlslage: Adrenalin hoch zwei, hochgefahren und aufgeputscht. Die Situation ohne Gnade auf Besserung. "Wo soll er nur schlafen?", denke ich. "Er braucht eine schnelle Lösung!"
"Ich lege mich im Wohnzimmer aufs Sofa - magst Du auf einer Matratze am Boden liegen", frage ich meinen Mann. Für kurze Zeit haut das hin.
Man kann alles planen ... glaubt man! Aber in Wirklichkeit überrollt uns da gerade etwas. Es ist schlichtweg eine Katastrophe. Eine nur schwer zu ertragende Katastrophe mit verheerenden Folgen.
"Hallo", sagt mein Bruder Luc am anderen Ende der Leitung. "Ich werde heute mal nachschauen gehen, wie hoch das Wasser gestiegen ist", sagt er aufgebracht. "Ja, tu das und gib uns Bescheid", versuche ich möglichst ruhig zu antworten.
Es dauert nicht lange, da klingelt auch schon das Telefon. "Der Anblick ist unerträglich! Das Elternhaus ist auf Parterre bis auf mindestens 50 cm geflutet! Komm sofort her, ich ertrage es, ja erfasse es kaum", höre ich meinen Bruder sagen.
Aufregung macht sich breit. Die ersten Bilder lassen positive Gedanken nicht mehr zu. Bloß nichts anmerken lassen jetzt. Situation sichern und vom nächsten Mittagsessen plaudern.
Sein Haus, das er zeitlebens renoviert, gehegt und gepflegt hat, ist nun unbewohnbar geworden. Ich sehe beim Kartoffelschälen vor meinem inneren Auge, wie die Möbel durchs Wohnzimmer schwimmen.
"Magst du vor dem Essen vielleicht noch einen Kaffee haben, Papa?", frage ich meinen Vater. Mein Magen dreht sich. Es tut mir so leid. All die Erinnerungen, die nun weg sind: Bilder und Bücher und so vieles mehr.
Langsam wird mir klar, was wirklich geschehen ist. "Ich werde einfach vorkochen für ihn, für die nächste Zeit, wenn er wieder zu Hause ist", denke ich und halte inne. Ich wage es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu spinnen. Pause. Zu Hause. Pause. Alles verschwimmt vor mir, hinter mir. Ständig stehe ich gedanklich mit den Knöcheln im kalten, schlammigen Wasser.
Bald zeigen wir ihm ein paar Bilder - Realitätscheck. Wohl besser erst morgen. Ich sehe beim Erzählen kaum eine Regung in meines Vaters Gesicht.
Ich suche, versuche zu verstehen. Auf Facebook und WhatsApp strömen Unmengen von Bildern und Videos der Zerstörung ein. Ich entscheide mich schließlich, nicht mehr ständig hinzuschauen.
Die ganze Familie steht miteinander in Verbindung und ist in stetigem Kontakt. Erschöpfung macht sich breit, zwischen Tausenden von Gedanken zur Rettung von Menschen, Häusern, Hab und Gut. Lähmend wirken diese Gedanken, aber alles geht irgendwie weiter.
So viele aus direkter Nähe sind betroffen. Morgen gehen wir unsere Straße entlang, sehen unser Viertel, unsere Kindheit, verlassene Häuser, zerstörte Vorgärten, Straßen und Brücken.
Eine Welle der Solidarität ist zu spüren. Pläne werden geschmiedet. Um alles wieder aufzubauen, herzurichten. Alle stehen irgendwie zur Verfügung. Alle fokussieren sich auf die direkte Hilfeleistung. Masken sind abgelegt - Corona, das Virus, das uns seit anderthalb Jahren bedroht hat, macht für einen Moment Platz für etwas anderes: füreinander da zu sein.
Heute ist es soweit. Gemeinsam mit unserem alten Vater begehen wir unser Elternhaus - Zimmer für Zimmer. Ein beißender Mazout-Geruch sticht uns in die Augen. Kein Licht, überall Schlamm und umgestürzte Möbel. Papas geliebter Sessel. Alles zerstört. Fenster auf - endlich Luft.
Alles schnürt einem die Kehle zu. Als wollte der Körper sich schützen, legt sich eine unsichtbare Rüstung um den Brustkorb. Kaum ein klarer Gedanke ist möglich. Am liebsten würde ich weinen, schreien. Doch ich tue es nicht. Es bleibt einem im Halse stecken. Ich fühle mich mit meiner Trauer alleine, obwohl wir alle zusammen hier sind.
Neuer Tag, neue Optionen: Die Stärke eines jeden Einzelnen kommt zum Tragen. Kraft beim Räumen - Organisationstalent für die gesamte Logistik, mit der so eine Entrümpelung einher geht. Formalitäten, wie Versicherungen, Postfach für den Notfall und vieles mehr. Das leibliche Wohl nicht zu vergessen, um alle bei Laune zu halten.
Jetzt spüre ich es: Ich bin nicht allein. Nicht alles muss aufgerollt, nicht alles ausgesprochen werden. Mein Schweigen ist meine Art, mit der Situation umzugehen.
Julia Slot