Fast zwei Jahrzehnte lebte die Familie Carpels in der Eupener Unterstadt - nahe der Weser, nahe am Wald, mitten in einem Viertel, das sie liebten. "Wir fühlten uns als Unterstädter", sagt Andy Carpels. "Da unten war es ruhig. Es war einfach schön."
Das Haus in der Unterstadt bezog die Familie vor mehr als 20 Jahren. Für Andy und seine Frau war es der Ort, an dem sie ihre Zukunft planten. "Es war unsere zweite gemeinsame Wohnung. Wir wollten Kinder, brauchten mehr Platz - und dieses Haus war ideal für uns." Die Kinder wuchsen dort auf, spielten auf den leeren Parkplätzen des Kabelwerks und fuhren dort auch Fahrrad, standen mit Gummistiefeln in der Weser oder fuhren Skateboard die Straßen hinunter. "Das war genau die Location für die Kinder", erinnert sich Andy. "Wir haben uns superwohl gefühlt."
Auch für Tochter Eva ist das Haus bis heute untrennbar mit ihrer Kindheit verbunden. Dort lernte sie laufen, feierte Kindergeburtstage, spielte Karten mit ihren Eltern und verbrachte den größten Teil ihres Lebens. Besonders das Kartenspielen ist für sie bis heute ein Symbol familiärer Nähe. "Ich werde das immer mit meiner Familie verbinden", sagt sie.
Vor allem die Beziehung zu ihrem Vater beschreibt Eva als außergewöhnlich eng. "Papa war immer mein bester Freund", erzählt sie. "Papa konnte alles." Diese enge Vater-Tochter-Bindung sollte in den Monaten nach der Flut noch einmal auf eine harte Probe gestellt werden - und gleichzeitig stärker werden als je zuvor.

Doch in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 änderte sich alles. Schon tagsüber hatten Andy und seine Kollegen im Kabelwerk die steigende Weser beobachtet. Hochwasser war in der Unterstadt nichts Ungewöhnliches, doch diesmal war die Situation anders. Trotzdem glaubte niemand an eine Katastrophe. "Ein alter Unterstädter sagte noch zu mir: 'Die Weser kommt nicht rüber'."
Erinnerungen an die Flutnacht
Am Abend schien sich die Lage sogar zu beruhigen. Das Wasser war zurückgegangen, die Familie aß zu Abend und schaute fern. Nur Eva hatte ein ungutes Gefühl. Heimlich packte sie eine kleine Tasche mit den wichtigsten Dingen und brachte vorsorglich Kerzen, Wasser und Lebensmittel nach oben. "Wir haben noch geschimpft", erzählt Andy. "Wir sagten: 'Du guckst zu viel Fernsehen. Was soll denn hier passieren?'"
Gegen zehn Uhr abends änderte sich alles. "Papa, Papa, das Wasser kommt", rief Eva plötzlich. Als Andy aus dem Fenster blickte, sah er die Wassermassen direkt auf das Haus zukommen. Innerhalb weniger Minuten stieg der Pegel dramatisch an. Türen wurden aus den Angeln gerissen, Möbel fortgespült, Fenster zerbarsten unter dem Druck des Wassers.
"Du fühltest dich wie in einem Aquarium", beschreibt Andy die Situation. "Das Wasser kam mit so einer Wucht ins Haus."
Während die Familie sich in den ersten Stock rettete, versuchte Andy noch, eine Tür zum Garten zu öffnen, damit das Wasser abfließen konnte. Doch draußen schlug die Tür hinter ihm zu. Seine Frau glaubte bereits, er sei verschüttet worden.
Für Eva wurde dieser Moment zum schlimmsten Augenblick ihres Lebens. Der Strom fiel aus, ihr Vater war verschwunden und niemand wusste, ob er noch lebte. Gemeinsam mit ihrer Mutter rief sie immer wieder nach ihm. Schließlich band Eva ihrer Mutter einen Bademantelgürtel um die Hüfte, damit diese durch das Wasser nach ihrem Mann suchen konnte. "Wenn du sie jetzt loslässt, ist sie weg", erinnert sich Eva an ihre Gedanken damals. "Dann hast du niemanden mehr."
"Das Leben lief an dir vorbei"
Die Mutter verletzte sich dabei schwer am Fuß. Wenig später hörte die Familie plötzlich ein Klopfen am Badezimmerfenster. Andy hatte sich über schmale Eisenstreben einer Terrassenüberdachung retten können.
"Meine Kinder haben mich durchs Fenster reingezogen", erzählt Andy. "Der Papa war wieder da."
Die Familie verbrachte die Nacht auf dem Speicher ihres Hauses, während draußen Autos, Kabeltrommeln und Trümmer vorbeischwammen. Das Wasser stand bis zu 1,80 Meter hoch im Haus. Schlaf war kaum möglich. Immer wieder kontrollierte Eva, ob das Wasser weiterstieg.
"Du saßt da und warst machtlos", sagt Andy. "Das Leben lief an dir vorbei."
Am nächsten Morgen wurde die Familie über das Kabelwerk gerettet. Gemeinsam mit Nachbarn, Hunden und wenigen Habseligkeiten gingen sie durch die zerstörte Unterstadt in Sicherheit. "Kriegsbilder sind nichts dagegen", sagt Andy rückblickend.
Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung
Was folgte, war nicht nur der Verlust ihres Zuhauses, sondern ein tiefer psychischer Zusammenbruch.
Die Familie hatte alles verloren: Möbel, Erinnerungen, Fotos, Kinderzeichnungen. "Es war, als ob deine Vergangenheit ausgelöscht wurde", erzählt Andy. "Das Einzige, was du noch hast, ist das, was du im Kopf behalten hast."
Gleichzeitig erinnert sich Eva an die enorme Solidarität in den Tagen nach der Flut. Freunde kamen trotz schwieriger Verkehrsverhältnisse aus der Eifel, Menschen brachen ihren Urlaub ab, Jugendliche halfen beim Aufräumen und an Essensständen. "Man war einfach dankbar", sagt sie. "Da war ein Zusammenhalt, den kann man kaum beschreiben."
Doch trotz dieser Hilfe wurde Andy zunehmend von Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung überwältigt. Besonders schwer traf ihn die Nachricht, dass das Haus in der Unterstadt nicht wieder aufgebaut werden würde. "Da brach die Hoffnung weg."
Nur wenige Wochen nach der Flut versuchte Andy erstmals, sich das Leben zu nehmen. Zwei weitere Suizidversuche folgten. Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken in Aachen, Lüttich und Henri-Chapelle bestimmten monatelang den Alltag der Familie.
Für Eva bedeutete diese Zeit eine erneute Traumatisierung. Mit 14 Jahren musste sie mitten in der Nacht den Krankenwagen für ihren Vater rufen. Sie erinnert sich daran, wie sie die Schreie ihrer Mutter hörte und sich schließlich im Badezimmer einschloss, während unten um das Leben ihres Vaters gekämpft wurde. "Man ruft nicht mit 14 den Krankenwagen für seinen Vater", sagt sie heute.
Besonders belastend war ein Moment in der Psychiatrie, als ihr Vater ihr seinen Ehering in die Hand drückte und sagte, sie müsse nun auf ihre Mutter und ihren Bruder aufpassen. Für Eva begann damals eine Zeit, in der sie versuchte, nur noch zu funktionieren.
"Ich hatte das Gefühl, ich muss jetzt stark sein", erzählt sie. "Für Mama. Für Ben. Für Papa."
Schließlich entwickelte Eva selbst starke psychische Belastungen und begann mit Selbstverletzung. Rückblickend beschreibt sie dies als Ventil und als Versuch, mit dem inneren Druck umzugehen. Hilfe fand sie später bei einer Psychologin von Kaleido. Dort lernte sie langsam, über ihre Gefühle zu sprechen und die Erlebnisse aufzuarbeiten.
Familiärer und kollegialer Zusammenhalt
Die Ereignisse hätten die Familie dauerhaft verändert, sagen Vater und Tochter. Gleichzeitig seien sie dadurch enger zusammengerückt als je zuvor. "Wir sind vier - und dann kommt der Rest", sagt Andy.
Auch das Kabelwerk spielte eine entscheidende Rolle auf seinem Weg zurück ins Leben. Dort hatte Andy seine Ausbildung gemacht, dort arbeitet er seit über 30 Jahren. Kollegen begleiteten seine Frau ins Krankenhaus, halfen beim Umzug und unterstützten die Familie weit über das Berufliche hinaus. "Das war Zusammenhalt, den ich nie vergessen werde", sagt er.
Der entscheidende Wendepunkt kam schließlich, als die Familie das Haus der Schwiegermutter übernehmen konnte. "Ab dem Tag, an dem wir die Unterschrift unter den Hauskauf gesetzt hatten, änderte sich mein Leben", erzählt Andy. "Die Zukunftsängste waren weg. Wir hatten wieder eine Heimat."
Doch auch heute sind die Folgen der Flut noch spürbar. Starker Regen löst bei Eva bis heute Angst aus. Donner, Starkregen oder Wasser können Panikreaktionen hervorrufen. Lange Zeit konnte sie nicht mehr ins Meer oder an Flüsse gehen. Selbst ihre Katze, die die Flut überlebt hat, reagiert bis heute sensibel auf Regen und sucht dann gezielt Nähe zu Menschen.
Um sich zu beruhigen, hört Eva oft Kinderhörspiele wie "Bibi Blocksberg" oder "Hanni und Nanni". "Das gibt mir Sicherheit", sagt sie.
Inzwischen spricht sie offen über ihre Erfahrungen. Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit beschäftigte sie sich intensiv mit den Auswirkungen psychiatrischer Erkrankungen, Psychiatrien und Antidepressiva auf Menschen und Familien. Dafür führte sie auch Gespräche mit ihrem Vater.
Das Datum "14.07.2021" ließ sie sich tätowieren - als bleibende Erinnerung an den Tag, an dem sich ihr Leben schlagartig veränderte.
Neue Dankbarkeit
Heute blickt auch Andy anders aufs Leben. "Viele Dinge sieht man lockerer", sagt er. "Man weiß gar nicht, wie gut wir es eigentlich haben."
Die Flut habe ihn verändert - durch Schmerz und Verlust, aber auch durch neue Dankbarkeit. "Ich bin stolz darauf, da wieder rausgekommen zu sein", sagt er. "Meine Geschichte gehört zu mir. Aber sie ist noch nicht zu Ende."
Die Geschichte der Familie Carpels handelt nicht nur von einer Naturkatastrophe. Sie erzählt davon, wie Menschen alles verlieren können - und trotzdem versuchen, weiterzuleben. Schritt für Schritt.
"Wir hatten alles verloren", sagt Eva. "Aber nicht uns als Familie."
Christophe Ramjoie