Ein geschützter Raum, eine Art Jurte empfängt jeden, der mag. Barbara Raes ist Direktorin des Nationaltheaters Gent. Seit zehn Jahren hat sie sich auch auf alternative Trauerbegleitung spezialisiert: "Ich versuche, einen intimen und geschützten Raum zu schaffen. Die Leute haben die Wahl, ob sie reden oder still sein möchten. Wir können auch schriftlich kommunizieren. Wir nehmen uns bis zu 1,5 Stunden Zeit, um über ökologische Trauer nachzudenken. Ich bitte lediglich darum, eine Träne aufsammeln zu dürfen."
In Eupen wird Barbara Raes die 100. Träne auffangen. Schließlich hat sie mit dem Projekt "Mémoires des Eaux" bereits in anderen von der Flut betroffenen Orten Halt gemacht. Überall ist sie auf Trauer gestoßen: Traurigkeit über den Verlust von Heimat durch Umweltzerstörung. Dafür gibt es ein Wort: Solastalgie. Barbara Raes erklärt es so: "Solastalgie bedeutet, dass dir etwas fehlt, was noch da ist. Es ist Traurigkeit darüber, was der Mensch mit dem Planeten macht, Traurigkeit in Bezug auf den Klimawandel und unseren Einfluss auf die Erde. Auch wenn sie noch da ist. Es ist eine pro-aktive Trauer."
Die Tränen werden Teil einer Kunstinstallation, die am 15. Juli in Lüttich eingeweiht wird. Ihren festen Platz soll die Installation 2029 in Chenée bekommen. Nach dem Gespräch im Tränenzelt geht es für die Besucher zu einer Art Musik-Meditation. Am Klavier sitzt David Kisser.
Die Teilnehmer sind eingeladen, sich einfach hinzulegen, die Augen zu schließen und zu lauschen. "Im besten Fall wäre es natürlich, dass die Menschen hier raus kommen und sich wohl fühlen. Ich glaube, dass 'Mémoires des Eaux' eine super Sache ist. Aber man muss sich auch von einer verletzlichen Seite zeigen. Die ganzen Sachen noch mal durchzusprechen, ist einfach schwer", weiß David Kisser. Doch er ist sich sicher, dass die Musik dabei helfen kann.
Michael Emmermann ist der Erste, der in Eupen an dem Projekt teilnimmt. Er selbst ist von der Flut in der Unterstadt gezeichnet. Wir treffen ihn, bevor es losgeht. "Wir haben damals funktioniert. Aber wir haben das Ganze noch nicht richtig verarbeitet. Wir haben gearbeitet und geholfen. Die Betroffenen hatten keine Zeit, sich richtig mit der Situation auseinander zu setzen. Heute passiert es noch, dass ich Personen treffen, die dann anfangen zu weinen, weil dann alles nochmal hoch kommt. Das ist alles noch nicht richtig verarbeitet. Und solche Angebote wie heute sind richtig und wichtig, um den Leuten auch zu helfen", sagt er.
Und so wagt Michael Emmermann eine Reise zurück zu jenen Tagen des 14. und 15. Juli 2021. Auch er wird eine Träne lassen. Eine Träne, die Mahnmal sein soll. Ein Appell an die Menschheit, unserem Heimatplaneten Erde eine Chance zu geben.
"Mémoires des Eaux" ist eine Kooperation vom Nationaltheater Gent und dem Théâtre de Liège in Zusammenarbeit mit Chudoscnik Sunergia. Das Kunstprojekt macht bis Sonntag 5. Juli 2026 in Eupen Station. Einige Plätze sind noch frei. Die Teilnahme ist kostenlos. Mehr Infos gibt es auf der Internetseite des Alten Schlachthofs.
Simonne Doepgen










