Ganz neu ist die Idee hinter der Plattform "Prescrivity" nicht. Schon in Sprimont oder Brüssel gibt es Projekte, bei denen Ärzte ihren Patienten und Patientinnen zum Beispiel einen Museumsbesuch verschreiben können. Von diesen und weiteren Initiativen inspiriert arbeiten die beiden MR-Abgeordneten Charles Gardier - der übrigens auch Mitbegründer Francofolies von Spa ist - und Nicolas Janssen an der Plattform, die im Idealfall schon bald belgienweit zum Einsatz kommen soll.
Grundlage für "Prescrivity" seien zahlreiche Gespräche mit Ärzten und Akteuren aus der Kultur- und Sportszene gewesen, so Charles Gardier. In Sachen mentale Gesundheit habe es in Belgien seit 2018 eine enorme Verschlechterung gegeben. 3Man müsste von einer Explosion sprechen seit 2018: Die Kosten im Zusammenhang mit Arbeitsunfähigkeit aufgrund von Depressionen und Burn-out sind um mehr als 74 Prozent gestiegen. Im Jahr 2023 beliefen sich die Kosten der Arbeitsunfähigkeit infolge von Depressionen und Burn-out auf 2,4 Milliarden Euro. Außerdem nehmen in Belgien 1,3 Millionen Menschen Antidepressiva ein. Das entspricht immerhin 14 Prozent der Bevölkerung. Es handelt sich also um eine echte gesellschaftliche Herausforderung."
Konkret werden Ärzte, Psychologen und Psychiater die Plattform nutzen können, um Patienten ein Sportereignis, ein Konzert oder einen Ausflug verschreiben zu können. Die Person erhält dann einen einzigartigen QR-Code, über die sie auf der Plattform die gewünschte Veranstaltung auswählen kann. Sie reserviert ihren Platz und bezahlt zur Bestätigung eine kleine Summe von bis zu zwei Euro. Da die Initiative sich nicht in die Politik einmischen wolle und von verschiedenen Partnern finanziert werden soll, gibt es keine Erstattung durch die Krankenkasse.
"Es ist ein vierfacher Gewinn, sozusagen. Ein Gewinn für Ärzte, die ein zusätzliches Instrument nutzen können, ein Gewinn für Patienten, die wieder Anschluss finden und Sinn in Kultur- und Sportstätten entdecken können, ein Gewinn auch für die Kultur- und Sporteinrichtungen, denn bei den genutzten Tickets handelt es sich um welche, die sonst nicht verkauft worden wären. Und schließlich ist es auch einfach ein Gewinn für die Gesellschaft als Ganzes, denn die Tatsache, dass wir etwas tun, um all diesen Menschen in Not zu helfen, ist offensichtlich wichtig für die Gesellschaft als Ganzes."
Angst davor, dass Menschen versuchen könnten, das System für Gratistickets auszunutzen, hat Charles Gardier nicht. Denn nur entsprechend qualifizierte Ärzte und Therapeuten dürften Events verschreiben und auf deren Urteil vertraue er.
René Janssen: "Großartige Initiative"
Dass Kulturveranstaltungen die mentale Gesundheit verbessern können, findet auch René Janssen, Geschäftsführer von Chudosnik Sunergia. "Generell finde ich, dass das eine großartige Initiative ist. Sie bestätigt, dass bei Kulturdarbietungen und vielleicht auch bei Sportdarbietungen Glückshormone vom Körper produziert werden, die wirklich dazu führen, dass man ein positives Gefühl hat, dass man Energie hat, also wirklich so ein Wohlfühlcharakter. Es gibt ja auch eine Vorfreude auf ein solches Event und das Erlebnis vor Ort und wenn es dann wirklich ein starkes Erlebnis war - und oft empfindet man das auch wirklich als stark - dann wirkt das auch noch tagelang nach."
Wirklich nachhaltig sei das Konzept aber nur, wenn es nicht bei einem einmaligen Eventbesuch bleibe. Außerdem müsse es einige Bedingungen geben, damit eine Plattform wie "Prescrivity" wirklich ein Gewinn für alle Beteiligten sein könne. Gratis könnten viele Kulturschaffende ihre Tickets beispielsweise nicht zur Verfügung stellen.
"Der Kinésietherapeut wird auch für seine Arbeit bezahlt, die verschrieben wird durch einen Arzt, also würde ich mir da schon wünschen, dass wenn die Veranstalter etwas zur Verfügung stellen, dass sie dann auch bezahlt werden", so Janssen. "Manchmal sind die Kapazitäten natürlich auch erreicht und wenn man dann den Menschen nur die Karten zur Verfügung stellt, die sich vielleicht nicht gut verkaufen, dann sind das für die betroffenen Personen vielleicht auch nicht die erhofften Glücksmomente. Ich denke, da muss man sehr fair bleiben."
Hausärzte skeptisch
Befragte Hausärzte in der DG reagieren mit Skepsis auf die Idee. So stelle sich unter anderem die Frage, ob das Projekt in seiner Form wirklich finanzierbar sei. Ein anderer Hausarzt bemängelt, dass ein einmaliges Konzert oder ein Museumsbesuch die mentale Gesundheit von Menschen nicht verbessert. Das Projekt zeige vor allem ein totales Unverständnis seitens der Initiatoren über die Komplexität dieser Pathologien.
"Ich beziehe keine Position aufgrund einer medizinischen Meinung, zu der ich nicht in der Lage bin", erklärt Gardier. "Ich denke nicht, dass solche Ausgänge oder 'Verschreibungen' in allen Fällen psychischer Belastungen helfen werden. Es gibt selbstverständlich schwerere Fälle, für die diese Art von Verschreibung weder empfohlen noch geeignet wäre. In anderen Fällen hingegen schon. Ich versuche lediglich, auf praktische Weise ein System beziehungsweise eine Plattform zu schaffen, die wirksam und effizient ist und den Ärztinnen und Ärzten, die dies möchten, ein zusätzliches Instrument an die Hand gibt."
Niemand sei verpflichtet, von der Plattform Gebrauch zu machen. Die Initiatoren rechnen damit, dass "Prescrivity" noch vor Jahresende im Einsatz sein wird.
Lindsay Ahn