Die Aachener Ortschaften Hahn, Friesenrath und Sief gehören zu den Gebieten, die beim Hochwasser 2021 besonders betroffen waren. Neben baulichen Maßnahmen und neuen Regenrückhaltebecken setzt die Stadt Aachen künftig auch auf ein mobiles Schutzsystem, das die Bevölkerung selbst einsetzen kann.
"Es handelt sich um Kunststoffwinkel, die relativ leicht durch die Menschen vor Ort aufgestellt werden können und die sich allein durch den Wasserdruck, der auf dieses System wirkt, stabilisieren", erklärt Philipp Allwißner, Leiter der Aachener Stabsstelle für Sicherheit und strategische Gefahrenabwehr. "Grundsätzlich ist angedacht, das System so einfach wie möglich zu halten. Also dass wirklich Kräfte vor Ort, zum Beispiel der örtliche Sportverein, die freiwillige Feuerwehr, oder andere helfende Hände, die wir da unten in den Aachener Ortsteilen haben, anpacken können."
Um einen ganzheitlichen Hochwasserschutz handele es sich aber nicht. "Dieses System ist jetzt vor allem dazu da, von einzelnen Häusern und Häuserteilen in den Ortschaften Wasser wegzuhalten. Es ist 50 Zentimeter hoch und dementsprechend natürlich auch nur für einen bedingten Schutz geeignet, wir können damit im Zweifel aber bei einzelnen kleinen Hochwassern und auch bei Starkregensituationen vielleicht Abhilfe schaffen."
Eine Voraussetzung für die effiziente Nutzung der Winkel ist ein flacher und, im besten Falle, asphaltierter Untergrund. Außerdem sollten die Winkel natürlich möglichst nah an den Ortschaften gelagert werden. Gemeinsam mit Fachleuten der Aachener Stadtverwaltung und Vertreterinnen und Vertretern der Hochwasserschutzinitiative aus dem Aachener Süden wurden Bereiche identifiziert, die sich besonders gut für den Einsatz der Winkel eignen.
Derzeit läuft das Vergabeverfahren für den Kauf der Module. Rund einen Kilometer des Systems will die Stadt Aachen bis zum Sommer anschaffen. Gleichzeitig gibt es aber noch organisatorische Fragen zu klären. "Wo wird das Ganze gelagert? Wie bilden wir unsere Hilfskräfte aus? Wer signalisiert, dass das System aufgebaut werden muss? Das ist sicherlich noch der größere Teil der Arbeit, aber auch hier sind wir zuversichtlich, dass wir einerseits bis zum Sommer hin erste Meilensteine erreicht haben, aber auch nach hinten heraus durch die Erfahrungen, durch Übungen und vielleicht auch die ein oder andere scharfe Situation, da nochmal schlauer werden und sehen an welchen Stellschrauben wir da noch arbeiten müssen", so Allwißner.
Keine Nutzung in Raeren
Die drei Aachener Ortschaften liegen nur wenige Kilometer von der Gemeinde Raeren entfernt. Sief grenzt sogar direkt an Raeren. Dementsprechend stellt sich natürlich auch die Frage, ob die Kunststoffwinkel nicht ebenso in der Töpfergemeinde eingesetzt werden könnten. Und tatsächlich hat sich auch die Gemeinde Raeren mit den Kunststoffwinkeln auseinandergesetzt.
"Wir haben diese Module vor einiger Zeit mit der Feuerwehr begutachtet, um künstlich Bachläufe zu erhöhen oder Staumauern zu errichten. Wir haben aber in Raeren recht wenig gerade oder befestigte Fläche, auf der man diese Module aufbauen könnte", sagt Raerens Bürgermeister Mario Pitz. "Da muss der Boden wirklich befestigt sein, sonst klappt es nicht. Man kann die Module zum Beispiel auch nicht auf Böschungen oder Gras stellen, da funktioniert das nicht gut."
Dass Raeren sich aus diesem Grund gegen die Nutzung der Winkel entschieden hat, sei kein Problem für die deutsche Seite, so Allwißner. Das System müsse nicht grenzüberschreitend genutzt werden, um wirksam zu sein. Nichtsdestotrotz sei es natürlich wichtig, dass die Hochwasservorbeugung bereits im Quellgebiet der Wasserläufe beginne. Raeren ist sowohl für die Inde als auch für den Iterbach Quellgebiet.
Pegelmessungen und Bau von Regenrückhaltebecken
Auch Mario Pitz unterstreicht die Rolle, die der Gemeinde Raeren im Hochwasserschutz zufällt. Deshalb sei eine Zusammenarbeit mit anderen Ortschaften - auch über Landesgrenzen hinaus - wichtig. Einige Initiativen seien bereits ergriffen worden. "Zum Beispiel gibt es bei unseren Bächen der Kategorie drei keine offiziellen Pegelmessstände. Da haben wir jetzt mit dem Wasserverband Eifel-Rur umgesetzt, dass die Pegel gemessen werden. Wir haben jetzt einige Messstellen und die dienen natürlich zuerst auch mal unseren deutschen Nachbarn, da wir ja auch Quellgebiet sind in Raeren, um dann auch so eine Art Frühwarnsystem auf die Beine zu stellen. Das läuft schon seit dem letzten Jahr", erklärt Mario Pitz.
Zudem hält die Gemeinde weiter am Bau von Regenrückhaltebecken fest. "Die Regenrückhaltebecken halten ja nicht nur Wasser zum Schutz der Raerener zurück, sondern jeder Tropfen Wasser, der hier zurückgehalten wird oder der sich hier besser verteilen kann in der Bachlandschaft, ist natürlich auch ein Nutzen für die tieferliegenden Gemeinden auf deutscher Seite, die eben die Wassermengen von unserer Inde und unserem Iterbach abkriegen."
Auch in Zukunft soll die grenzüberschreitende Zusammenarbeit weiterlaufen, betont der Raerener Bürgermeister. Schon im Juni ist ein weiteres Treffen mit dem Wasserverband Eifel-Rur angesetzt.
Lindsay Ahn