Die Entdeckungsroute "Expedition Altstadt" erzählt vom Wiederaufbau Aachens nach dem Zweiten Weltkrieg. Viele Gebäude wurden damals zerstört. An der Planung für den Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren waren nicht nur Architekten und Stadtplaner beteiligt, sondern auch die Bevölkerung.
"Das war schon anders als eine moderne Bürgeranhörung. Es war zuerst einmal eine öffentliche Ausstellung, wo die Planungen und Modelle gezeigt wurden, so dass anschaulich der Wiederaufbau der Stadt dargestellt wurde", erklärt Stadtkonservatorin Monika Krücken. "Die Bürger konnten sich dort schriftlich einbringen, vor Ort ihre Meinung auf Papier schreiben und in einen Kasten einwerfen. Diese Ausstellung war unglaublich gut besucht, jeder zehnte Einwohner Aachens war dort und das zeigt natürlich das große Interesse der Menschen, die wieder nach vorne gucken wollten, die die Stadt wieder aufbauen wollten und sehen wollten, wie das passieren sollte."
Auch die Stadtkonservatores Hans Königs und Leo Hugot prägten den Wiederaufbau der Altstadt maßgeblich. Königs sicherte wichtige Gebäudeteile der Stadt, die später auf anderen Baustellen wieder eingesetzt wurden. Königs und Hugot suchten besonders passende Plätze für die Fassaden oder Fassadenteile aus. So wirkt die Aachener Altstadt heute zwar historisch – ist aber in vielen Teilen deutlich jünger, als man denkt.
"Also es gab natürlich auch den Wiederaufbau vor Ort. Ein Gebäude ist zerstört oder abgerissen worden und dann hat man die Fassadenteile mehr oder weniger vor Ort wieder in den Neubau integriert – das haben wir zum Beispiel in der Kockerellstraße oder an der Jakobstraße – da sind die Gebäude nur ein Stück zurückversetzt worden, um der neuen Verkehrs- und Stadtplanung gerecht zu werden", so Dr. Andreas Priesters von der Abteilung Denkmalpflege und Archäologie. "Viele Gebäude sind aber auch transzoliert worden – also an einer Stelle abgebaut worden und mehrere hundert Meter weiter an einer anderen Stelle wieder aufgebaut worden."
So "wanderten" die Gebäude also teilweise durch die Altstadt. Die Architekten der neuen Gebäude hinterließen beim Wiederaufbau ihre eigene Handschrift im Stil der Nachkriegsjahrzehnte – rekonstruierten und idealisierten die Fassaden, damit sie ins Bild passten. Auch der Domkeller ist dafür ein gutes Beispiel.
"Wenn man genau hinguckt, kann man das auch sehen", so Krücken. "Sie haben diese besonders scharfen Kanten beim Blaustein an den Fenstern auf der ersten Etage und wenn man das mit den alten Steinen vergleicht, sieht man schon einen Unterschied. Wenn wir dann in die Körbergasse hineingehen, finden wir Spuren von einem Laden. Es wurde also aus der Körbergasse heraus aus den Fenstern verkauft. Man hatte solche Holzklappläden, auf denen die Waren aufgestellt werden konnten. Weiter hinten in der Fassade sieht man außerdem Eichenholzgewände an den Fenstern und keine Steingewände mehr. Da kann man nachvollziehen, dass Stein damals eine teure Angelegenheit war und dass es hinten in der Gasse nicht so wichtig war, wie vorne am Platz."
Dass die Fassaden der Altstadt besondere Geschichten erzählen, wurde auch bei Stadtführungen immer wieder deutlich. Viele Teilnehmer zeigten sich überrascht darüber, wie die heutigen Fassaden zustande gekommen sind. Mit diesen Impulsen und der Dissertation des aktuellen Dombaumeisters Jan Richarz ("Aachen - Wiederaufbau : Rekonstruktion durch Translozierung") entstand schließlich die Idee für "Expedition Altstadt".
2019 stellte die Stadt dafür einen Förderantrag beim Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen. "Das Programm heißt 'Heimatzeugnisse' und eigentlich geht es genau darum. Wir möchten, den Aachenerinnen einen neuen Zugang zu ihrer Heimat geben, damit sie pfleglich mit ihr umgehen", erklärt Stadtbaurätin Frauke Burgdorff. "Manchmal ist es so, dass die Leute sich fragen, warum die Denkmalpflege gewisse Regeln hat und warum man bestimmte Dinge darf oder nicht. Ich glaube, dass, wenn die Menschen verstehen, woher das kommt, sie dann auch mehr Verständnis haben dafür, dass wir das Ganze so begleiten müssen, damit die Altstadt so schön bleibt, wie sie ist."
39 Gebäude in Aachen sind inzwischen mit QR-Codes ausgestattet, die in einem digitalen Archiv die Geschichte hinter der Fassade erzählen. Darunter Hof 9, Hof 20, Hühnermarkt 19 oder das Haus Löwenstein. Dass die Zahl der eingetragenen Gebäude weiter anwächst, ist gut möglich. Ein zweiter Blick auf die Mauern der Aachener Altstadt lohnt sich also – denn hinter den Fassaden steckt oft mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Lindsay Ahn





