Aufgenommen hatten die Mitglieder der sechsten Bürgerversammlung ihre Arbeit vor anderthalb Jahren. Herausgekommen sind 23 Empfehlungen, rund um das sozial-emotionale Lernen oder kurz: SEL. "Alle Grundsätze der Bildungsvision werden hier tangiert", erklärt Kathy Elsen (ProDG). "Chancengerechtigkeit erreichen, Wohlbefinden stärken und auch eine hohe Bildungsqualität sichern. Sozial-emotionale Kompetenzen sind kein nice to have, sondern ein entscheidender Faktor zur Stärkung der akademischen Leistung und die Basis für resiliente Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im heutigen Kontext ist das unverzichtbar."
Entsprechenden Handlungsbedarf sah denn auch Elena Peters für Vivant: "Wir leben in einer Zeit, in der Zivilcourage und Menschlichkeit auf der Strecke bleiben. Überall ist eine Überforderung spürbar, eine regelrechte Reizüberflutung. Die Erwachsenen sollten das Analoge verstärken und endlich noch mal Verantwortung übernehmen, denn genau das stärkt soziale und emotionale Kompetenzen."
Anders als die Vivant-Abgeordnete wollte Frederik Wertz (PFF) aber nicht von einem Versagen der Erwachsenen sprechen. Vielmehr handele es sich um eine gemeinsame Aufgabe für Lehrkräfte, Schulleitungen, Schüler und Eltern. "Deshalb ist es auch richtig, dass die Bürgerversammlung fordert, die Eltern stärker einzubeziehen. SEL darf nicht nach Schulschluss enden, sondern muss sich gerade zu Hause weiter abspielen", findet Wertz. "Gleichzeitig müssen wir auch über die Rolle der Lehrkräfte sprechen. Ja, Sensibilisierung der Lehrkräfte ist wichtig und richtig. Ja, Weiterbildungen sind sinnvoll. Aber wir sagen auch ganz klar, kein Zwang."
Für die CSP sah Steffi Pauels in der Arbeit der Bürgerversammlung ein klares Signal. "Ein Signal dafür, dass Bildung mehr ist als Wissen. Ein Signal dafür, dass die Zukunft unserer Kinder ganzheitlich gedacht werden muss. Ein Signal dafür, dass Bürgerbeteiligung und politische Entscheidungen sich gegenseitig bereichern können."
Unterrichtsminister Jérôme Franssen, in dessen Zuständigkeit die meisten Empfehlungen fallen, verwies darauf, dass ein paar davon schon umgesetzt worden seien: wie spezielle Aus- und Weiterbildungsangebote für Lehrer oder das Handynutzungsverbot an Schulen. An neun weiteren Empfehlungen werde derzeit gearbeitet. "Im Zentrum steht dabei natürlich vor allem die Weiterentwicklung und die Überarbeitung der Rahmenpläne, in denen die sozial-emotionalen Kompetenzen künftig verbindlich als fächerübergreifender Bestandteil der Schule definiert wird."
Die Forderungen der Bürgerversammlung gingen zum Teil deutlich weiter, wie etwa die nach einer gesellschaftlichen Debatte über eine grundlegende Schulreform. "Der reinste Aufruf zur Revolution", meinte Andreas Jerusalem von Ecolo "im positiven Sinne". Er sei sich auch im Klaren darüber, dass eine plötzliche Umsetzung den Unterrichtssektor überfordern würde. "Dennoch möchte ich vor allem diese Forderung als Appell an Sie, werte Regierung und werte Mehrheit unterstreichen. Seien Sie mutig bei den Reformen im Rahmen der Bildungsvision. Trauen Sie sich, alles infrage zu stellen, denn aktuell gibt es zu viele Elemente in unserem Bildungswesen, die das sozial-emotionale Lernen hemmen, statt es zu fördern. Und das zu ändern, ist ihre Aufgabe, an der wir sehr gerne weiterhin mitarbeiten."
In einem "klaren Bekenntnis" der SP-Fraktion zum Bürgerdialog forderte Charles Servaty schließlich, auch weiterhin die notwendigen Mittel dafür bereitzustellen und im Sinne der Glaubwürdigkeit dranzubleiben. "Die Vertreter aus den verschiedenen Bürgerversammlungen haben das Recht zu erfahren, was aus ihren Empfehlungen wird. Und das zählt nicht nur für die Phase während des Prozesses zum Ende des Prozesses, wo wir jetzt mit den Schülerkompetenzen sind, sondern auch für die nächsten Monate und Jahre."
Stephan Pesch