Entgegen der landläufigen Meinung beschränkt sich die Nukleartechnik nicht auf klassische Leistungsreaktoren. Der Studiengang in Jülich bietet Spezialisierungen in den Bereichen Nukleare Technologien, Nuklearchemie, Medizinphysik und Nukleare Entsorgung.
Professor Christoph Langer, der seit sieben Jahren Physik und Kernphysik an der FH Aachen lehrt, betont die enorme Bandbreite: "Es geht nicht nur um Reaktoren. Ein ganz kleiner Teil betrifft da die Energieerzeugung durch Leistungsreaktoren. Aber selbst in diesem Feld der Reaktoren gibt es eine sehr breite Spanne. Es gibt Forschungsreaktoren, wo eher geforscht als Energie erzeugt wird."
Ein internationaler Wachstumsmarkt
Während Deutschland aus der Kernkraft ausgestiegen ist, sieht das globale Bild anders aus. Weltweit sind rund 400 Reaktoren am Netz, allein in China ist der Bau von Dutzenden weiteren geplant. Diese Diskrepanz spiegelt sich in den Studierendenzahlen wider: Belegten im Jahr 2020 noch 66 Studenten den englischsprachigen Master, waren es im letzten Jahr bereits 108.
Für Langer ist das Fachgebiet deshalb alles andere als ein Auslaufmodell: "Im Gegenteil. Die internationale Nachfrage nach dem nuklearen Fachwissen steigt. Das heißt: Wir brauchen Fachkräfte in diesem Feld. Es ist halt eben auch ein internationaler Studiengang, den wir hier anbieten. Wir ziehen wirklich weltweit an und sehen, dass da ein ganz großes Interesse an Nukleartechnologie ist."
Jahrzehntelange Aufgaben beim Rückbau
Selbst dort, wo keine neue Energie gewonnen wird, bleibt der Bedarf an Experten hoch. Der Rückbau abgeschalteter Anlagen ist eine hochkomplexe Aufgabe, die Generationen beschäftigen wird. Moderne Ansätze wie KI-Modellierung und Digitalisierung machen das Feld zudem für junge Talente attraktiv.
"Das ist eine lange und sehr umfangreiche Aufgabe. Da sind wir noch Jahrzehnte mit beschäftigt. Hier braucht es wirklich auch Nachwuchs. Und das sind ganz spannende Themen, die sich neuerdings auch mit der KI, Modellierung und Digitalisierung verbinden. Da passiert wirklich sehr viel in diesem Feld, was auch wirklich für junge Leute echt spannend ist."

Jobgarantie in der Forschung und Medizin
Ein Paradebeispiel für die Karrierechancen ist die 25-jährige Alina Kaulen. Nach ihrem Masterabschluss in Nuclear Applications mit dem Schwerpunkt Nuklearchemie erhielt sie sofort einen unbefristeten Arbeitsvertrag am Forschungszentrum Jülich. Sie weiß, dass die Arbeit in den Bereichen Überwachung, Genehmigungsverfahren und vor allem in der Medizin nicht ausgehen wird.
"Wir sind das Paradebeispiel dafür. Bei uns sind schon Reaktoren vor der Jahrtausendwende gestoppt worden - und wir sind noch immer da. Wir müssen immer noch die Überwachung machen, was die Umwelt und Personen angeht, die dort arbeiten. So ein Abbau dauert entsprechend lange. Gerade im Behördenland Deutschland dauert es Jahre, bis alles genehmigt wird."
Aber auch im Bereich der Medizin gibt es viel zu tun. "Das wird sich in nächster Zeit nicht so schnell ändern. Auch da haben wir unsere Kunden immer noch, die Produktionssachen überprüft haben müssen, oder ihre Leute, die dort beruflich aktiv sind."
Unverzichtbar für die moderne Krebstherapie
Besonders der medizinische Sektor verdeutlicht die Relevanz der Nukleartechnik. Ob Diagnostik oder Protonentherapie - viele lebensrettende Verfahren basieren auf nuklearem Wissen und der Produktion von Isotopen in Forschungsreaktoren.
Elisabeth Paulßen, Professorin für Nuklearchemie an der FH Aachen, wünscht sich hier eine differenziertere Debatte: "Die Leute sehen immer Kerntechnik. Und jeder, der Krebs hat und Diagnostik machen möchte oder Protonentherapie, möchte diese Technik haben. Selbst die Atomgegner. Und die sagen immer so: 'Kerntechnik ist schlimm.' Wir brauchen die Reaktoren für Isotope für die Medizin. Wir können sie nicht komplett abstellen. Da gibt es keine Alternativen. Das ist mir eigentlich wichtig. Also, dass es nicht immer nur um Kernreaktoren geht, sondern um so viele andere Anwendungen, wo wir Leute brauchen und auch gesucht werden."
Mehr Infos zu dem Master-Studiengang "Nuclear Applications" gibt es auf der Webseite der FH Aachen.
Manuel Zimmermann