Schmerzen entstehen erst im Gehirn - und zwar, wenn es die Signale vom Körper verarbeitet. Die VR-Brillen binden kognitive Ressourcen und sorgen so dafür, dass das Gehirn weniger Kapazität hat, um sich mit dem Schmerz zu beschäftigen.
"Das Gehirn konzentriert sich auf etwas anderes als den Schmerz, den Stress oder die Angst. Durch die schönen Bilder, die Musik und die Stimmbegleitung ist der Patient auf etwas anderes fokussiert als auf das, was ihm nicht gut tut und so geht es ihm besser", erklärt Annette Mölter, die Koordinatorin der Abteilung für Schmerzmedizin in St. Vith.
Studien haben bewiesen, dass dieser Effekt nicht nur psychologisch ist, sondern auch körperlich messbar. Das abgelenkte Gehirn blockiert die Schmerzreize nämlich teilweise schon im Rückenmark. So kommen weniger Schmerzsignale an - und das ganz ohne die Risiken und Nebenwirkungen von herkömmlichen Schmerzmitteln.
"Das bedeutet nicht, dass Schmerzmittel komplett ausgespart werden, aber beides zusammen führt dazu, dass man weniger Schmerzmittel braucht. Man kann die VR-Brillen in verschiedenen Bereichen einsetzen, zum Beispiel auch im OP oder wenn Menschen Platzangst und in einen MRT-Scanner müssen", ergänzt Mölter.

Morgane Loubris ist Krebspatientin. Sie kommt jeden Montag zur Chemotherapie in die Klinik St. Josef. Damit die Chemotherapie die empfindlichen Nervenenden in Fingern und Zehen nicht so stark angreift, werden ihre Hände und Füße runtergekühlt. Das bereitet vielen Patienten Schmerzen. Und genau hier helfen die medizinischen Anwendungen von virtueller Realität. "Die VR-Brille hilft mir, zu entspannen", berichtet die junge Frau. "Ich kann mich auf etwas anderes konzentrieren. Die Behandlungen sind lang und so kann ich zwischendurch durchatmen. Ich habe weniger Stress und fühle mich besser."
Seit 2022 gibt es die VR-Brillen in der Klinik in St. Vith. Dank einer Spende der Stiftung gegen Krebs letzten November konnte die Klinik zwei weitere anschaffen. Die Therapie mit den Brillen machen Freiwillige. Sie arbeiten mit dem Pflegepersonal zusammen und bringen die Zeit mit, die im Krankenhausalltag oft fehlt. Eine von ihnen ist die Rentnerin Mariette Diederen-Reusch: "Die Patienten sind froh, wenn wir reinkommen. Es werden oft sehr persönliche Gespräche geführt. Das ist wirklich eine Bereicherung und sehr positiv."
Eine Sitzung mit der VR-Brille dauert rund 20 Minuten. Patienten können zwischen verschiedenen Szenarien auswählen und so selbst bestimmen, wohin sie dem Krankenhausalltag entfliehen wollen. Die Resultate sprechen für sich: Mehr als 95 Prozent der Patienten sind mit der Behandlung zufrieden.

Anne Kelleter