Yves Pieper, der Forstamtsleiter von Verviers, steht auf einer Lichtung am Waldrand des Hohen Venns. Früher war hier nur Wiese. Heute ist die Fläche von Teichen und Gräben durchbrochen. So soll das Wasser aus dem Graben neben dem Forstweg entlang der Wiese besser abfließen können. "Hier werden Gräben abgeleitet. Das Wasser fließt hier also nicht mehr direkt runter in den Bach, in diesem Fall in die Soor, sondern in einen Zwischentümpel. Dieser Zwischentümpel ist sozusagen ein Puffer. Wenn der voll ist, fließt es weiter in einen zweiten Tümpel und von da schwappt es dann über in den Wald. Auf eine Fläche, die eh nicht produktiv ist. Da kann es dann versickern."
Diesen Sommer sei hier schon 3-4 Mal Wasser bis unten in den Wald gelaufen, sagt Yves Pieper. Seit den Überschwemmungen 2021 haben er und seine Kollegen hunderte solcher Tümpel anlegen lassen. Manchmal als Pufferspeicher für Gräben, manchmal auch mitten im Venn. Ihr Ziel ist es, das Wasser auf seinem Weg ins Tal zu bremsen. So hat es auch mehr Zeit zum versickern.
Das Grabennetz im Hohen Venn ist wie eine Autobahn für das Wasser. Es wurde angelegt, um den Anbau von Fichten zu ermöglichen. Heute machen die Förster viele der Gräben wieder zu. Nur die nötigsten werden unterhalten, zum Beispiel entlang von Waldwegen, die als Zugang für Holzfäller, Touristen oder im Notfall für die Feuerwehr dienen.
Das wirksamste Mittel der Förster im Kampf gegen Überschwemmungen ist aber nicht der Bagger, sondern der Wald selbst. "Wir entwickeln unseren Wald immer mehr zu einem Mosaikwald, bestehend aus kleinen Flächen mit verschiedenen Strukturen und Arten. Studien haben ergeben, dass Mischwald wesentlich mehr Wasser bindet, also mehr zum Hochwasserschutz beiträgt. Dieser Umbau nimmt natürlich Jahrzehnte in Anspruch, aber wir arbeiten schon seit drei Jahrzehnten daran und kommen langsam immer mehr hin zu diesem Mosaik aus kleinen Flächen."
Auch wenn der Mischwald mehr Wasser aufnimmt als ein Nadelwald, stimmt es nicht, dass dieser gegen Überschwemmungen ganz nutzlos ist. "Nadelbäume transpirieren Wasser und nehmen auch Wasser auf. Das haben Biologen bestätigt. Also: Die Waldbedeckung ist der beste Hochwasserschutz überhaupt.", sagt Yves Pieper.
Der beste Hochwasserschutz überhaupt - wenn man weiß, dass das Einzugsbecken der Weser ungefähr zur Hälfte von Wald bedeckt ist, kann man sich gut ausmalen, welchen Einfluss die vielen kleinen Maßnahmen im Venn und im Wald auf die Überschwemmungsgefahr haben. Trotzdem wird das Projekt auch wissenschaftlich begleitet, von der Uni Lüttich, die auch Maßnahmen für die Gebiete ohne Bewaldung (Wohngebiete und Ackerflächen) ausgearbeitet hat.
Hier müsse noch mehr passieren, meint der Förster. Denn nur, wenn auch die andere Hälfte des Einzugsbeckens ihren Teil zur Überschwemmungsprävention beiträgt, kann im Ernstfall von allen Seiten Wasser zurückgehalten werden, damit Menschen und Häuser geschützt sind.
Anne Kelleter