Halbzeitbilanz: Raeren verspricht neue Sachlichkeit

Die Gemeinde Raeren hat eine turbulente erste Halbzeit der laufenden Legislaturperiode hinter sich. Eine Schöffin wurde ihres Amtes enthoben und aus der Fraktion ausgeschlossen. Die Koalition aus "Mit uns" und Ecolo zerbrach und mit Jérôme Franssen von der CSL gab es rund zwei Jahre nach den Wahlen einen neuen Bürgermeister.

Jérôme Franssen, Ulrich Deller, Erwin Güsting (Bild: Olivier Krickel/BRF)

Jérôme Franssen, Ulrich Deller, Erwin Güsting (Bilder: Olivier Krickel/BRF)

Es gab Sitzungen des Gemeinderats, da musste sich die damalige Oppositionsfraktion CSL anhören, dass sie dumm sei oder einen an der Waffel habe. Für Jérôme Franssen, inzwischen Bürgermeister, sind solche Geschichten aber längst aus der Welt: „Da sind dann Entschuldigungen geäußert worden. Und dann kann man es dabei auch dann entsprechend belassen.“

Die Fraktion Mit Uns leckt hingegen immer noch die Wunden des Koalitionsbruchs. Erwin Güsting hält an seinem Urteil fest: „Also so, wie man mit uns umgegangen ist seitens der Ecolo Fraktion, ist schon – ich sage es einfach mal – gelinde ausgedrückt verwerflich.“

Nach unserem Interview sagte Erwin Güsting aber, dass das nun das letzte Mal gewesen sei, dass er seinem Ärger öffentlich Luft mache. Für den Rest der Legislaturperiode versprechen alle drei Fraktionen eine Arbeit, die sich an der Sache orientiert. Ulrich Deller von Ecolo: „Wir wertschätzen natürlich die Rückkehr zur Sachlichkeit. Das ist eine gute neue Basis. Ich kann trotzdem verstehen, dass das nicht einfach war für Mit Uns.“

Projekt Schulneubau Lichtenbusch

Beim Projekt Schulneubau Lichtenbusch liegen die Interessen aber immer noch quer. Während die Mehrheit den Neubau praktisch beschlossen hat und an die konkrete Planung will, versucht Mit Uns das Projekt zu verhindern. Eine Fusion mit der Schule Eynatten sei in jeglicher Hinsicht sinnvoller, meint Erwin Güsting: „Deshalb finden wir uns noch nicht damit ab, dass die Schule in Lichtenbusch in der Tat neu gebaut wird.“ Mit Uns steckt also in der Situation, einen Neubau mit zu planen, den die Fraktion eigentlich gar nicht will, Erwin Güsting: „Wie Sie schon sagten, das ist ein schwieriges Unterfangen, aber dem werden wir uns stellen. Und wenn es ums Schulische geht, ums Bauliche, wird man sich sicherlich mit beteiligen.“

Bürgermeister Franssen erklärt, die Planung breit aufzustellen und bittet alle Beteiligten ans Reißbrett: „Und selbstverständlich wird es so sein, dass in diese Planung der Gemeinderat einbezogen wird. Das Lehrerkollegium wird da mit einbezogen, die Schuldirektion. Wir werden auch Experten mit einbeziehen.“

Windparkprojekt

Neben den Streitfällen gibt es aber doch viele Vorhaben, die der Gemeinderat einstimmig begrüßt. Das wohl wichtigste: das Windparkprojekt im Raerener Wald. Das unterstützen alle Fraktionen. Zum Jahresende haben auch mehrere interessierte Unternehmen ihre Ideen eingereicht, wie der Windpark Realität werden könnte. Doch es dauert noch etwas, bis all diese Vorschläge bewertet sind. Schöffe Ulrich Deller: „Ich denke, dass wir noch ein bisschen mehr Zeit brauchen, als ich ursprünglich kalkuliert hatte, weil die Details in den einzelnen Angeboten sich zum Teil unterscheiden und zwar so unterscheiden, dass man sie noch mal genau prüfen muss.“

Ob der Windpark dann tatsächlich kommt, hängt aber noch von anderen Faktoren ab, etwa ob alle Umweltauflagen an dem Standort erfüllt werden oder ob die Raumordnungsbehörde grünes Licht gibt. Jenseits der beiden Großprojekte stehen in Raren aber noch weitere Vorhaben auf der Agenda. Die Einwohnerzahl wächst inzwischen auf über 11.000. Da heißt es, die Infrastruktur instand zu halten und auszubauen. Rathaus, Sportstätten, Schulen, Straßen und Kanalisation lauten nur die wichtigsten Stichworte, um Raeren für die Zukunft aufzustellen.

Erwin Güsting: „Das Vereinsleben, wie es war, wird nicht so bleiben und die Interessen der Menschen werden andere sein. Projekte wie digitale Dörfer, CO2 einsparen, sich auf die Folgen des Klimawandels einstellen und vorbereiten, das ist die Zukunft.“

Und auch die Mehrheitsfraktionen Ecolo und CSL haben ihre Akzente definiert. Ulrich Deller: „Im Vordergrund stehen auf jeden Fall die Fragen von Mobilität, von sanfter Mobilität. Eine besondere Geschichte sehe ich in der Frage der Ressourceneffizienz im Bauen. Daran sollten wir arbeiten.“ Jérôme Franssen ergänzt: „Nicht zuletzt werden wir auch eine gewisse Anpassung im Sinne des Hochwasserschutzes vornehmen. Und insgesamt, was uns am wichtigsten ist, ist, Politik für die nächste Generation zu machen. Und ich denke, das ist genau das, was wir hier gerade tun.“ Der versprochene sachliche Rahmen kann dabei nur helfen.

Olivier Krickel